Neue Revue im Wintergarten: Fünfzig Rasierklingen, viel Kraft und ein Chinesischer Mast

Zur Premierenfeier steht der Kubaner Diosmani Augera, einer der beiden Stars des Abends, allein unter dem Sternenhimmel des Theaters und trinkt beseelt von seinem Rotwein. Ein halbes Glas nur, mehr erlaubt sein Körper nicht, gewöhnt an strenge Askese und maximale Forderung. Wer im Parkett des Wintergarten Varietés vergnügt den Wunderdingen auf der Bühne folgt, macht sich selten klar, was für ein Leben Akrobaten führen, um mit vermeintlicher „Schwerelosigkeit“ zu verblüffen oder mit „Gummiknochen“, wie es oft heißt.

Das Duo Leosvel und Diosmani bietet den gewissen Extra-Kick an einem Abend, der erstaunliche Attraktionen alltäglich aussehen lässt. Die zwei Akrobaten turnen am Chinesischen Mast, einer senkrechten Stange, laufen etwa mit den Händen aufwärts, während ihr Körper horizontal absteht. Bei dem Anblick halten sich manche Zuschauer den Mund zu, weil der offen bleiben will. Am Ende betritt Diosmani den waagerecht unter ihm ausgestreckten Körper des Partners und vollführt darauf Kunststücke. Das anatomische Unding ist kein Trick, sondern pure Kraft, ausgezeichnet mit Silber beim Zirkusfestival in Monte Carlo, sonst nur beherrscht von wenigen Asiaten. Diosmani liebt seine Nummer und das Rampenlicht. Aber er ist 42 und weiß nicht, wie lange er das noch aushält – die Härte und die Schmerzen. Das lässt ihn schon heute manchmal wehmütig zur Bühne schauen.

Alter Trick, neu bestaunt

Andere halten bis zum Alter durch. Aber es sind Spitzen-Nummern wie diese, die das neue Programm „Staunen“ im Wintergarten funkeln lassen, wo nach Jahren des Ausprobierens von Neuem mal wieder etwas fröhlich Nostalgisches aufgelegt wurde, mit Liveband. Sogar mit Conférencier, der durch das Programm führt, auch noch auf deutsch.

Gut, es handelt sich um Thomas Otto, der kann nicht nur reden, sondern auch zaubern, da muss sich kein fremdsprachiges Publikum langweilen. Man hat schon vor Jahren mal gerätselt, wie er Dutzende Geldstücke aus dem Ärmel schüttelt, obwohl er mit nackten Armen hantiert, wie er den handsignierten 50-Euro-Schein eines Zuschauers in eine verschweißte Erdnussdose bugsiert, die seit Stunden in einer Tüte unter Glas wartet. Ja wie? Keine Ahnung, der Trick ist nicht aufgeklärt, und man darf sich neu wundern.

Scharfe Mahlzeit

Äußerst komisch schließlich Otto Wessely, 73, weltberühmter Pop-Magier, mit seiner hübsch knitterigen Assistentin Christa, die zusammen zeigen, wie laut, scheppernd und trampelig Zauberei misslingen kann. Als man denkt, er beherrscht nur noch das gemeine Scheitern, beginnt Wessely mit dem Verspeisen von Rasierklingen. 50 davon stopft er sich in den Mund, schiebt einen unordentlichen Faden hinterher, guckt unzufrieden, bevor er in endloser Reihe sauber aufgefädelt alle Klingen wieder herauszieht.

Ein klasse Nummernprogramm war das, von dem nicht mal die Hälfte der Beteiligten erwähnt wurde. An derartigem Gelingen arbeitet die Varietéwelt seit der Eröffnung des Wintergartens 1887. Als das Etablissement 1992 neu entstand, wollte es sein Impresario André Heller dem Staunen verpflichten. Hat mal wieder geklappt, das beherzte Amüsement sowieso.

Bis 24. Februar Karten: 588433 oder: www.wintergarten-berlin.de