Vielschichtig: Eric Cantona (li.) mit seinem Komplizen Charles (Gustave Kervern) in der Arte-Serie "Aus der Spur".
Foto: Arte France

BerlinIn den 90er-Jahren war Eric Cantona noch der Rebell auf dem Fußballfeld: Der Stürmer schoss nicht nur für Olympique Marseille, die französische Nationalmannschaft und vor allem für Manchester United tolle Tore, sondern legte sich immer wieder mit allen an. Sein Kung-Fu-Tritt gegen einen Gegnerfan, der ihn rassistisch beleidigt hatte, wurde legendär. Nach seinem Abschied als Fußballer mit Anfang 30 stieg er ins Filmgeschäft ein. In Frankreich ist er längst anerkannt. In deutschen Kinos tauchte er mal in einem Film von Ken Loach auf: In „Looking For Eric“ verkörperte er sich selbst. In der Arte-Serie „Aus der Spur“ spielt er nun die Hauptrolle. 

Die erste Folge ähnelt noch einem Sozialdrama: Seit Alain Delambre mit Anfang 50 als Personalchef einer mittelgroßen Firma aussortiert worden war, hat er sich mit Hilfsjobs durchgeschlagen. Als er vom Vorarbeiter gedemütigt wird, rastet er aus – fast so wie einst Cantona auf dem Platz. Es drohen eine Strafe und der Verlust der Wohnung. Als letzter Ausweg erscheint eine Stellenanzeige: Ein Konzern sucht einen Personalchef – und Alain scheint  eine Chance zu bekommen. Doch er ist nur als Helfer in einem zynischen Spiel eingeplant: Die Konzernspitze will eine Führungsposition besetzen und in einem Rollenspiel testen, wie widerstandsfähig die Kandidaten sind – mit einer fingierten Geiselnahme! 

Über das reale Vorbild ist in Frankreich rege diskutiert worden: Ein Manager der France Television Publicity kam wegen des Rollenspiels vor Gericht. Pierre Lemaitre griff den Skandal in seinem Roman „Cadre Noirs“ auf und schrieb auch die Drehbücher zur Serie, die als Sechsteiler eine überraschende Vielschichtigkeit beweist und immer wieder das Genre wechselt. Das Sozialdrama wandelt sich zum Krimi: Denn als Alain erfährt, dass er beim Rollenspiel die falschen Geiselnehmer aus dem Off anleiten soll, beginnt er verbissen zu trainieren, recherchiert das Vorleben der Kandidaten und heuert einen Ex-Polizisten als Trainingspartner an. Doch während der Geiselnahme ändert er die Spielregeln: Er zückt eine Pistole und bedroht alle – die falschen Geiselnehmer, die zynischen Auftraggeber und die winselnden Kandidaten.

Wie der Held hier die Verhältnisse umkehrt und die arrogante Managerkaste bloßstellt, das besitzt einen grimmigen, oft sarkastischen Humor. Die Serie wird zum harten Knastdrama, in dem Alain erst leiden muss, sich dann aber behauptet. Denn er spannt die Medien ein und lässt sich als „Frankreichs berühmtester Arbeitsloser“ feiern. Schließlich verlagert sich der Kampf vor das Gericht, wo Alain seine Tochter als Verteidigerin einspannt. Eric Cantona spielt nicht etwa einen antikapitalistischen Rebellen, sondern zeigt als gebrochener Held viele Facetten. Sein Alain ist weitaus verschlagener als vermutet, legt sich mit der Konzernspitze an – und belastet dabei seine Familie. In den Szenen mit Suzanne Clement als Alains Frau zeigt der kantige Cantona seine weiche Seite.

Aus der Spur: 23.4 und 30.4. ab 21.10 Uhr auf Arte, alle sechs Folgen bis 14.5. in der Arte-Mediathek