Es ist ja wirklich nicht leicht. Da gibt es ein neues Konzept, das von der Kritik hoch gelobt wird, das beim Zuschauer gut ankommt  - und dann wird es gleich überall angewandt. Mit dem Versprechen, seriöser, ehrlicher und menschlicher zu sein war „X Factor“ vor zwei Jahren als neuartige Gesangshow im deutschen Fernsehen angetreten. Dann kam „The Voice of Germany“ und hat alles noch ein bisschen ernster und professioneller gemacht. Und nun sollen auch noch die Fremdschämshows „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ aufgemöbelt werden. Aggressivität raus, Freundlichkeit rein und dazu vielleicht sogar eine Jury, die was vom Fach versteht. Und „X Factor“? Das Programm, das gestern in die dritte Staffel startete, rettet sich, indem es einfach genau das macht, was es zuvor von den anderen Programmen unterschied – nur besser. Die neue Staffel ist noch professioneller angelegt, soll noch sozialer sein und bleibt trotz einiger Neuerungen frei von albernem Brimborium – vorerst zumindest.

"Social TV" als Format

„Social TV“ heißt nun das Format und soll den Zuschauer noch mehr in das Geschehen einbinden. Per App, per Live-Chat und vor allem durch ungewohnte Einblicke in den Backstagebereich. Nun ist es ja nicht neu, den Bereich hinter der Bühne für die Show auszuleuchten, um die Kandidaten näher kennenzulernen. Bis jetzt hieß das meist Liveschaltung zu einer aufgedrehten Moderatorin, die schweißnasse Sänger mit Standardfragen quälte und wie ein Flummi durch einen bunten Raum hüpfte, in welchem die Kandidaten betont lässig auf irgendwelchen Sofas rumlümmelten. So ist das nun nicht mehr bei „X Factor“. Ab und zu geht’s nach hinten, klar. Aber nicht zum Moderator, sondern zu einer Art Überwachungskamera. Aus der Vogelperspektive  wird ein Blick auf das geschäftige Treiben geworfen und man bekommt die Gespräche der Kandidaten mit. Das  ist tatsächlich ganz lustig und vor allem: viel intimer. Da ist Sarah, die ihrem Freund einschärft: „Herz, sei gleich nicht so verschroben, bitte.“ Und die sich zusammen mit ihm darüber aufregt, dass ihr Song gerade schon gespielt wurde. Die Kandidaten bleiben echt – und das macht sie interessant.

Sandra Nasic bleibt als Jurorin blass

Interessant auch für die Jury, der es tatsächlich einmal nicht darum geht, irgendwelche Persönlichkeiten zu basteln. –„Sowas wie Personality oder Charisma kann man nicht lernen, das hat man oder das hat man nicht.“, sagt Mitjuror H.P. Baxxter. Und Kollege Moses Pelham erklärt: „Es geht darum, jemanden zu finden und dann für ihn den richtigen Weg zu finden“. Man nimmt es ihnen ab. Mit vier Juroren ist die Jury größer als im letzten Jahr und musikalisch breiter aufgestellt. H.P. Baxxter schaut aufs Gesamtkonzept und den Beat. Moses Pelham achtet auf die klangliche Qualität der Darstellung und hält, wenn es nichts zu sagen gibt, auch einfach mal den Mund. Sarah Connor will den gewissen Funken finden, der überspringt. Nur Sandra Nasic beleibt als Jurorin blass. Die Entscheidungen in der ersten Castingrunde fallen treffsicher. Acht Acts kommen nun ins sogenannte Boot Camp, darunter sind Solosänger und erstmals auch ganze Bands. Alle von Ihnen haben das Zeug zum Sieger – das Ganze ist also schon jetzt auch für empfindliche Ohren tauglich. Professionalität beweisen die Juroren schließlich auch im Umgang mit der sehbehinderten Fabienne. Keine Leidensgeschichte, kein Mitgefühl, keine Extrabehandlung. Die 16-Jährige singt toll und darf dafür ins Boot Camp – so einfach.

Ja, wäre es so einfach! Ganz so schlicht geht die dritte Staffel nämlich nicht weiter. Sobald die ersten Kandidaten etabliert sind, kommt das Heartbeat-Fenster hinzu, diese alberne Anwendung, mit der die Zuschauer dann ständig den aktuellen Puls der Sänger eingeblendet bekommen. Spätestens dann weiß man wieder nicht, wo gucken. Bei „X Factor“ ist man so nah dran an echter Musik wie bei fast keinem anderen Format. Es sollte einfach so bleiben.