Berliner Fans von "Homeland" haben schon sehnsüchtig auf die fünfte Staffel gewartet: Die neuen Episoden wurden in der deutschen Hauptstadt gedreht. Eine Entscheidung, die überraschte. Hatte die Agenten-Serie um den Krieg gegen den Terror doch bisher an Hauptschauplätzen wie Bagdad, Islamabad oder Washington gespielt.

Viel wurde seitdem über die mögliche Fortführung der Handlung spekuliert. Würden wir Hauptdarstellerin Claire Danes im Berghain sehen, von dem die Schauspielerin kürzlich so ausgiebig in einer US-Talkshow geschwärmt hat?

Seit der Premiere am Montag gibt es Gewissheit: Nein! Das Kameraverbot im Techno-Club gilt tatsächlich auch für Hollywood. Vielmehr zeigt die erste Szene der Auftaktfolge "Separation Anxiety" ("Trennungsangst") Hauptfigur Carrie Mathison beim Abendmahl - in der denkmalgeschützten Herz-Jesu-Kirche an der Fehrbelliner Straße.

Als Mutti in Prenzlauer Berg

Ja, es ist wirklich Carrie, jene stets am Abgrund wandelnde CIA-Agentin mit bipolarer Persönlichkeitsstörung, der wir in der vergangenen Staffel noch dabei zugesehen hatten, wie sie beinahe ihre Tochter ertränkte, Drohnen auf Zivilisten steuerte und einen Al-Quaida-Sprössling entjungferte, um ihn zu rekrutieren. Und jetzt das: Eine religiöse Latte-Macchiato-Mutti in Prenzlauer Berg.

Zwei Jahre sind nach dem letzten desaströsen Einsatz in Pakistan vergangen. Carrie hat den SUV gegen ein Fahrrad getauscht, die USA gegen Berlin. Jetzt arbeitet sie als Sicherheitschefin für die Berliner Düring-Stiftung. Sebastian Koch ("Das Leben der Anderen") spielt ihren Chef Otto Düring, ein Philanthrop, so aalglatt, dass man sich schon jetzt auf die Aufdeckung krimineller Verwicklungen freuen darf. Liiert ist Carrie mit ihrem Kollegen Jonas - verkörpert von Alexander Fehling, dem der Schopf für diese Rolle (und passend zu Carries Beuteschema) rot gefärbt wurde.

Cyber-Angriff aus dem Flatrate-Puff

Doch „Homeland“ wäre nicht „Homeland“, wenn Carries Vergangenheit sie nicht früher oder später einholen würde. In Berlin passiert das in Person der Journalistin Laura Sutton (Sarah Sokolovic): Ein Hacker hat ihr Dokumente zugespielt, die belegen, wie die CIA mit Hilfe des BND deutsche Bürger ausspioniert. Und Carrie soll verifizieren, ob die Daten echt sind.

Keine andere US-Serie vermag politische Entwicklungen so aktuell aufzugreifen wie „Homeland“: Die Snowden-NSA-Affäre, die Flüchtlingskrise, die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung - alles kommt auf den Tisch. Und der steht in diesem Fall im Kaffeehaus Grosz am Kudamm. Als BND-Vertreter nehmen dort übrigens Nina Hoss und Martin Wuttke Platz.

Dass „Homeland“ die Lieblingsserie von US-Präsident Obama ist, und der nun einen „Tatort“-Kommissar die Geschicke seines Landes verhandeln sieht, ist längst nicht die einzige amüsante Randnotiz in dem Staffel-Auftakt. Der besagte Hacker etwa hat seine Schaltzentrale mitten im real existierenden Flatrate-Bordell King George an der Grunewaldstraße.

Während nebenan die Damen vorm Laptop strippen, will er einen Schwulenwitz auf einer IS-Rekrutierungsseite posten - während zeitgleich die Berliner CIA-Station zum Angriff auf die IS-Daten ansetzt. Die virtuelle Begegnung nutzt der Hacker aus, um sich auf der CIA-Seite zu bedienen - wer hätte gedacht, dass sich dabei der Server eines Schöneberger Online-Sex-Forums durchsetzt?

Berlin als Schauplatz der neuen Geheimdienst-Affären wirkt vertraut und fremd zugleich. Ein Mix aus Dönerbuden, Hinterhöfen und verspiegelten Konzernbauten. Man sieht die S-Bahn am Hauptbahnhof einfahren, die typischen Granitplatten-Gehwege, die Tram in Mitte und einen Straßenmusiker am Gendarmenmarkt. Aber auch einen Zionskirchplatz, auf dem Carrie am hellichten Tag entführt wird. Und zwar im Auftrag des Hisbollah-Oberhauptes, der - wie könnte es anders sein - in Berlin untergetaucht ist.

Bombenbastler am Kottbusser Tor

Auch das ist Berlin in „Homeland“: Ein Versteck für Terroristen. Wie gut also, dass Carries Ex-Kollege Peter Quinn (Rupert Friend) inzwischen als CIA-Auftragskiller arbeitet und unbehelligt in die Altbauwohnung eines Bombenbastlers am Kotti klettern kann. Um diesen dann mit dessen eigener Konstruktion in die Luft zu jagen. Ein Prozess in Deutschland würde ja auch viel zu lange dauern.

Was da noch alles kommen mag in elf weiteren Folgen Berliner „Homeland“? In jedem Fall ganz viel Spannung und beste Thriller-Unterhaltung. Und dann natürlich noch mehr amerikanische Touristen, die in den Kreuzberger Hinterhöfen ihr Glück suchen. Sieht ja alles so schön bunt aus im Fernsehen.