Berlin - Vor vier Monaten war sie erstmals in einem „Tatort“ zu sehen. In Dominik Grafs umstrittenem Münchener Kunstkrimi „Aus der Tiefe der Zeit“ spielte Meret Becker eine verdächtige Frau aus dem Zirkusmilieu, die mit zwei Brüdern gleichzeitig ein Verhältnis hat, jeden Tag eine andere Perücke trägt und im Verhör einen Spagat hinlegt – einen typischen Meret-Becker-Auftritt also. In Interviews hatte sie zuvor gestanden, dass sie 20 Jahre zuvor das Angebot, eine „Tatort“-Kommissarin zu spielen, abgelehnt habe, weil sie sich damals zu sehr eingeengt fühlte. Diesmal hat sie anders entschieden: Zusammen mit Mark Waschke bildet Meret Becker künftig das neue Gespann des Berliner TV-Kommissare.

Als Ermittlerin wird die 45-Jährige Schauspielerin und Sängerin neue Seiten zeigen müssen – denn Figuren, die rational agieren, die Übersicht bewahren und kühl auf das Verhalten anderer reagieren, wurden ihr bislang eher selten abverlangt. Gern dagegen wurde sie als flippige, hysterische Göre oder Femme fatale besetzt, gern wurde mit ihrer Herkunft aus dem Künstlermilieu gespielt. Ihre leiblichen Eltern Monika Hansen und Rolf Becker sind ebenso Schauspieler wie ihr kürzlich verstorbener Stiefvater Otto Sander. Eine Großmutter war Komikerin, ein Großvater Tänzer. Schon als Fünfjährige tauchte Meret Becker in der „Rappelkiste“ im Fernsehen auf, mit 17 stand sie erstmals auf einer Varieté-Bühne.

Unvermeidliche Berliner Schnauze

Auf den Berliner Bühnen ist die zierliche Frau spätestens seit Mitte der 90er-Jahre eine Große. Ob mit eigenen Chansons oder mit Titeln von Bertolt Brecht und Kurt Weill, ob als Artistin oder im Spiel mit der singenden Säge – nur live könne sie sich ungebremst öffnen, betont sie auf ihrer Homepage. „Musique en miniature“ nennt sie ihren aktuellen Stil. Gerade hat sie mit ihrem Partner Buddy Sacher ihr fünftes Album „Deins und Done“ aufgenommen und geht im Frühjahr auf Tournee.

Dagegen sieht sie sich als Schauspielerin „fremdgesteuert“. Rätselhafterweise war sie, die gern als Berliner Göre wahrgenommen wird, bisher recht selten in Berlin-Filmen zu sehen – etwa im Mauer-Drama „Das Versprechen“, in der 60er-Jahre-DDR-Groteske vom „Boxhagener Platz“ oder in jenem Film mit dem bis heute programmatischen Berlin-Titel „Das Leben ist eine Baustelle“ von Wolfgang Becker und Tom Tykwer.

Die Konflikte einer Stadt, die sich täglich verändert, sollen wieder stärker ins Zentrum der Berliner „Tatorte“ rücken. Der RBB hat sich schon detaillierte Gedanken über die regionale Verortung seines neuen Duos gemacht. Meret Beckers Alter Ego, die Kommissarin Nina Rothe lebt mit Mann und zwei Söhnen im Wedding, während ihr von Mark Waschke gespielter Kollege einen Ex-Jurastudent aus Pankow darstellt. Treffen werden sich die beiden in einem Kommissariat im Szene-Kiez Friedrichshain-Kreuzberg. Nina Rothe wird als „waschechter Berlinerin mit Herz und Verstand“ eingeführt – die unvermeidliche Berliner Schnauze ist Meret Becker ohnehin angeboren. Der Einstieg des gemischten Doppels wird im Herbst gedreht und im Frühjahr 2015 ausgestrahlt.