Die Rolling Stones im 21. Jahrhundert: Ron Wood, Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards (v.l.n.r.).
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BerlinDieser Text kommt zu spät. Als ich am Mittwochabend daheim noch einmal das IPad aufklappte, düpierten mich alle, wirklich alle Medien mit Zeitangaben: vor sieben, vor neun, vor sechs Stunden. Die Nachrichtenwelt kokettierte mit ihrer eigenen Vergänglichkeit. Im Wettkampf der medialen Verbreitung gewinnt, wer es schafft, alle anderen alt aussehen zu lassen. Und so war in Variationen die immergleiche Nachricht zu lesen, dass die Rolling Stones einen 46 Jahren alten Song veröffentlicht haben, den sie ihrer mit ihnen gealterten Zuhörerschaft, warum auch immer, bislang vorenthalten haben.

„Scarlet“ heißt das gepflegt-schrammelige Stück, in dem es über die besungene Person heißt: „Du erregst mich, aber du redest zu viel.“ Am Ende passte es wohl auf keines der später so legendären Alben der Band. Entstanden ist das während einer musikalischen Zusammenkunft mit Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin im Jahre 1974, also etwa im Umfeld der Produktion des Album „It‘s Only Rock ‘n‘ Roll (But I Like It)“. Nach dem zwei Jahre zuvor entstandenen „Exile On Main St.“ steht es für eine eher laue Phase der Supergroup. (Echte Fans werden mir natürlich widersprechen.) Aber hey, es sind die Stones, und sie haben Jimmy Page dabei, was dem ganzen Unterfangen die Aura einer hemdsärmelig-nachbarschaftlich verbunden Pop-Community verleiht. „With A Little Help From My Friends” (geht alles besser). Schön zu hören – das locker-harmonische Zusammenspiel der zwei Leadgitarristen. Mick Jagger klingt dazu wie eh und je. Ach was, hören Sie selbst….

Natürlich kommt das nicht bloß aus einer Laune heraus, weil da ein paar Herren ihr Archiv aufgeräumt haben. Im September soll eine Neuauflage des Albums „Goats Head Soup“ (1973) herauskommen. Scarlet gehört zu einer Reihe von Raritäten und Alternativ-Mixes. Für manche Dinge ist es nie zu spät.