Man sagte das im Osten so: Das gibt’s in keinem Russenfilm. Was hieß: Etwas ist noch viel verpeilter und haarsträubender, als man es in der DDR ohnehin erwarten musste. Das war selbstverständlich ungerecht gegenüber dem sowjetischen Kino. Aber das lag nicht im näheren Interesse. Im Osten lebte man in einer vitalen Vorurteilskultur.

Bis auf Thomas Brussig. Jedenfalls jener Brussig, den der Erfolgsschriftsteller gleichen Namens nun als Hauptfigur seines neuen Romans vorführt. Der trägt den Titel „Das gibts in keinem Russenfilm“, was vollinhaltlich gedeckt ist, denn geboten wird eine waghalsige Mischung aus Autobiografie, Satire und politischer Science Fiction. Von 1964 an bis 2014 erzählt der Roman das Leben der „neuesten Lusche der DDR-Literatur“, des Schriftstellers Thomas Brussig.

Der zieht bis 1989 frei von Vorurteilen durch die intellektuellen DDR-Milieus. Aber egal, wohin sich der junge Mann, der den ostdeutschen Traum vom Klartext redenden Schriftsteller hegt, auch wendet: Er scheint niemandem geheuer. In der Prenzlauer Berg-Boheme, unter den Oppositionellen der Umweltbibliothek: Überall gerät der Junge, der als Servicekraft im „Palasthotel“ dient, unter Stasi- und Humor Verdacht. Die ostdeutschen Künstler hält anderes auf Trab: „Wer raucht die selbstgedrehtesten Zigaretten, wer verfügt über die parteiaustrittigste Vorgeschichte, wer hat die suhrkampigsten Westkontakte“? Alle, außer Brussig.

Bei Brussig fällt die Mauer nicht

Der wächst mit Bananen auf Rezept in Ostberlin heran, liest am liebsten Bücher über den Kommunistenführer Ernst „Teddy“ Thälmann. Gern zitiert Thomas den besten Thälmann-Witz der Welt: „,Das ist mein voller Ernst“, sagte Frau Thälmann, als es auf der Treppe polterte“. Aber die Thälmann-Besessenheit kommt nicht gut an. Die Schule, die Armee („ein Ozean von Scheiße“): Alles lehrt ihn, frühzeitig Reißaus zu nehmen. Schriftsteller wird er gerade deshalb. 1991 erscheint der Debütroman „Wasserfarben“ im Aufbau Verlag.

So weit, so heiter und in Sichtnähe zu den Fakten. Doch auf einmal wird Brussig von den Westmedien entdeckt. Am 1. Mai 1991 signiert der neue Geheimtipp-Autor neben Stefan Heym und Hermann Kant seine Bücher auf dem Schriftstellerbasar auf dem Alexanderplatz. Weil er den um ein Autogramm bemühten Berliner SED-Chef Schabowski nicht erkennt, avanciert Brussig aus Versehen zum Dissidenten. Moment mal: 1991? Ja, doch: Bei Brussig fällt die Mauer nicht. Die Einheit findet nicht statt.

Während 1989 in Osteuropa die „Volksdemokratien“ zusammenbrechen, begibt sich die DDR auf den „Dritten Weg“. Der endet nicht im Demokratischen Sozialismus, sondern in einem Kapitalismus unter Führung der Partei. Vom Jahr 2000 an können die DDR-Bürger im Westen arbeiten und im Osten leben, womit für die meisten alles paletti ist. Wohlstand ohne Freiheit: Das läuft in der Krenz-Diktatur, die sich als „Elektrokratie“ etabliert.

Eine Herrschaft, die ihr Schicksal ganz und gar an die Stromerzeugung knüpft. „Windkraft – Fundament unserer Zukunft!“ Der steht Brussig im Weg, der so unerwünscht ist wie alles politisch Nichtkorrekte. Sein 1994 im „Spiegel“ veröffentlichter DDR-Essay „Die breierne Zeit“ schlägt hohe Wellen. Wegen angeblicher Pläne für einen Staatsstreich steht der Autor, der sich nicht aus der DDR drängen lassen will, seit 1997 unter Hausarrest.

Gegen die literarische Tendenz

Anderen ergeht es anders. Jan-Josef Liefers macht seinen Weg als Georgi-Dimitroff-Darsteller, Daniela Dahn ist Intendantin des Staatsfernsehens, Alexander Osang Chef des „Neuen Deutschlands“ und Wolfgang Thierse betreibt den von Westen aus bewunderten Edelfeder-Verlag „Bombastus“. Brussig ringt um seine literarische Urteilskraft. Er erlebt Verfasser von gesamtdeutschen „Konsensschmökern“, Autoren, die „faltige Literaturbetriebs-Großfürstinnen“ busseln. Dass der DDR-Kollege Ingo Schulze 2010 den Literaturnobelpreis erhält, macht Brussig ganz haltlos. Für ihn gehört Schulze zu den Autoren, deren Auskünfte interessanter sind als ihre Bücher.

Eine Freundin baut Brussig auf. Abini Zöllner, Moderatorin des beliebten Fernseh-Talks „Ein Dreier mit...“, spart nicht mit guten Worten. „Die einzigen, denen unser frischgebackener Nobelpreisträger schlaflose Nächte bereitet, sind Literaturkritiker, weil die sich vor der Blamage fürchten, ein Osterei zu übersehen, anspielungstechnisch, also bitte, zier dich nicht so.“

Womit das klar ist: Mit seinem neuen Buch hackt sich Thomas Brussig mitten hinein in die Gegenwart. Er schreibt gegen die literarische Tendenz an, von der DDR auf eine Weise zu erzählen, die politisch-soziale Details verschleiert, aber auf 3Sat gut aussieht. Brussig hält mit Irrwitz dagegen. Er liefert eine rasante Sozialsatire, die damit punktet, dass man nie ganz sicher ist, was hier noch Science Fiction oder schon Realismus ist. Erzählerisch schnurrt das hochkomisch im ersten Drittel, läuft hochtourig in der Mitte (großartig die Vorladung bei Krenz) und gerät im letzten Drittel länglich und humoristisch konfektionshaft. Aber man lacht nicht unter Niveau. Nach „Helden wie wir“ (1995) und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999) beschert Brussig seiner jugendrebellischen DDR-Geschichtsschreibung ein angemessen heilloses Finale.

Dass 1989 eine gewaltfreie Revolution möglich gewesen sein soll, hält der Roman-Brussig für eine Illusion. Die Einheit zu erleben, schminkt er sich ab. Alle Erfahrungen mit der von der eigenen Regierung gekauften Bevölkerung sprechen dagegen. „Was wäre aus mir geworden, wenn es 1990 eine Einheit gegeben hätte? Vermutlich würde ich heute im Keller von Oliver Welke sitzen und mir FDP-Witze ausdenken.“ Der schlechteste Platz wäre das nicht.