Köln - Jochen Schmidts Herz schlägt höher, sobald er eine Brandmauer sieht. Auch ohne dem Autor den Puls gefühlt zu haben, darf man davon ausgehen. Dafür spricht zumal seine bekannte Liebe zu den profanen Zeugnissen der Vergangenheit. Dafür spricht aber auch, dass die Brandmauer in seinem neuen Erzählband „Der Wächter von Pankow“ in mindestens drei Geschichten lobende Erwähnung findet – weil sie so schön, reizvoll und beredt sei.

Skurrilitäten sind der Normalfall im Kosmos des Berliners. Das heißt: Zunächst einmal handelt es sich um Alltäglichkeiten der höchsten Graustufe. Nur – sobald sich Schmidt ihrer annimmt, werden Wartezimmer oder Doppelfenster zu staunenswerten Erfindungen der Menschheit. Der Autor nähert sich diesen mit einer scheinbaren Naivität, die Schönheiten und Schaurigkeiten freilegt.

Die Zähnung der Briefmarken

Darunter auch die Innereien der DDR, in der Schmidt 19 Jahre gelebt hat und mit der er die bange Frage verbindet: „Wird in 2000 Jahren noch von diesem missglückten Versuch, das Himmelreich auf Erden zu errichten, erzählt werden?“ Er jedenfalls, der alle Objekte aus der alten Heimat sammle, werde für den Rest seines Lebens über die DDR nachdenken. Und gewiss werde es in 2000 Jahren noch Briefmarken aus diesem abgeschlossenen Sammelgebiet geben.

Der Philatelie widmet Schmidt einen der schönsten Texte in dieser fast durchweg überzeugenden Sammlung. Denn hier verknüpft er mit scheinbar leichter Hand Vergangenheit und Gegenwart und bestätigt solcherart den Spruch, den er selbst zitiert: „Briefmarken waren die Universität des kleinen Mannes.“ Mit der Präzision eines Odontometers, das zur Bestimmung der Zähnung von Briefmarken dient, findet er die Pointen und Preziosen.

„Ob ich es je auf eine Briefmarke schaffen würde?“, fragt er sich einst. Das wollen wir keinesfalls ausschließen. Bei einem Schriftsteller, wie Schmidt es ist. Der betrachtet sein Schriftstellersein mit schöner Beharrlichkeit und ebensolchem Staunen. Schon finden sich im Literaturarchiv in Marbach Spuren seines Wirkens.

Das Verschwinden der Dinge

Immer, wenn Schmidt von sich spricht – was tatsächlich die Regel und nicht die Ausnahme ist –, kommt Ironie im Spiel. Das hebt den Gute-Laune-Faktor, für den die Texte sorgen. Da schaut der Mann von Welt leicht irritierbar auf dieselbe. Und wundert sich über die Aktivitätsnachweise einer ehemaligen Partnerin: „Eigenartig, ich hatte immer gedacht, nach mir sei das Leben für sie mehr oder weniger zu Ende gewesen.“

Wer Schmidt liest, meint ihn auch gleich zu hören. In unserem Falle nicht nur deshalb, weil der Autor im vergangenen Jahr in Köln und der Region das „Buch für die Stadt“ präsentiert hat, also seinen halb-autobiografischen Roman „Schneckenmühle“. Seine Texte lassen sich so leicht, so wohlig und wunderlich lesen, dass sie ein schönes Schnurren erzeugen, wenn man nur genau in sich hineinhorchte. Wobei – es ist längst nicht alles komisch. Das Ernste hat hier seinen festen Platz.

Was den Autor Schmidt umtreibt, ist der Mensch Schmidt. Den bewegt, nimmt man diesen Band zum Maßstab, vor allem dreierlei: das Verschwinden der Dinge, das Verfassen von Geschichten und das Faible für fremde Sprachen. Er lässt uns teilhaben an seinem Einstieg ins Chinesische. Und er nennt eine Eselsbrücke, wenn man sich partout nicht merken kann, dass das ungarische „gépkocsi“ Auto heißt, wörtlich: Maschinenkutsche. Was wir damit kurzum sagen wollen: „Der Wächter von Pankow“ ist ein Vademecum für fast alle Lebenslagen.

„Der Wächter von Pankow“, C. H. Beck, 238 Seiten, 18,95 Euro. E-Book: 14,99 Euro.