Srdjan Dragojevic ist ein Mann mit Ansprüchen. Seine Filme „Dörfer in Flammen“ und „Wounds“, sagt er, seien die ersten gewesen, die sich ernsthaft mit dem Bosnienkrieg auseinandersetzten. Ihr Ruhm bescherte ihm ein durchweg fruchtloses Engagement in Hollywood, von wo er 2001 frustriert nach Serbien zurückkehrte. Seine Intelligenz, seine Ironie habe keinen interessiert, „blinder Enthusiasmus“ sei die einzig gefragte Tugend, die Angebote waren lausig.

Wieder daheim, sah der Filmemacher die furchtbaren Fernsehbilder der ersten Belgrader Gay Pride Parade: Eine Allianz aus Neonazis, Hooligans und Ultraorthodoxen tobte sich unbehelligt aus – Dragojevic hatte endlich seinen Stoff. Der Film „Parada“ ist das Werk eines Mannes, der weiß, wovon er spricht.

Kriegsveteranen und Hochzeitsplaner

Er erzählt von einem irren Pakt mit dem Teufel: Um die nächste Parade unbeschadet zu überstehen, heuert das schwullesbische Aktionskomitee eine Brigade kleinkrimineller Kriegsveteranen als Security. Natürlich geht das nur als Komödie. Ihr Witz ist ironisch und auf die Art intelligent, die jedem gefällt – außer vielleicht den Beteiligten. Politisch unkorrekt nennt man das und spricht von Klischees.

Aber Dragojevic ist eben auch studierter Psychotherapeut. Held seines „Schwulenfilms für Homophobe“ ist der Ex-Kämpfer und Security-Chef Limun (Nikola Kojo), der sich mit Schwuchteln oder auch Ballerinas, wie er sie nennt, nicht die Finger schmutzig machen wollte. Da hilft nur Erpressung: Seine künftige Gattin, natürlich blond, will den schwulen Aktivisten Mirko (Goran Jevtic) als Hochzeitsplaner.

Liebenswert, aber harmlos

Zwar träumt der Ultramacho Limun von einer traditionellen Hochzeit mit Pauken und Trompeten, von der man noch Jahre spricht. Doch in „Parada“ geht es um die Anerkennung des Faktischen. Und so kommt es zur Versöhnung auf wirklich allen Ebenen: Weil ihm sämtliche ebenso stiernackige Kollegen angewidert absagen, kämpfen am Ende Serben, Bosnier, Kroaten und Albaner gemeinsam für Homosexuelle und ihre Rechte.

Der Albaner weiß sogar, was eine sexuelle Minderheit ist: „Die Serben!“ Hat es sich Dragojevic zu einfach gemacht? Die schwulen Charaktere sind liebenswert, aber harmlos. Nicht mal ein Kuss unter Männern wird dem Publikum zugemutet. Natürlich ist der homophobe Sturkopf Limun witziger als alle anderen zusammen. Vielleicht ist es auch gar nicht sinnvoll, einen Homophoben von einem Schwulenhasser zu unterscheiden.

So hässlich, wie es nur eben geht

Aber Dragojevic glaubt nun mal zu wissen, wen er kurieren kann. Und der ehemalige Punkrocker, einst selbst Opfer rechtsradikaler Attacken, beschönigt nichts: Die Gewalt zeigt dieser schöne Film so hässlich, wie es nur eben geht. „Parada“ ist nicht nur ein regenbogenbunter Spaß für alle, sondern auch ein kraftvoller Angriff auf die Machokultur einer ganzen Region.

Der Erfolg des Films in ganz Ex-Jugoslawien ist darum umso bemerkenswerter. Bei der Berlinale 2012 erhielt er den Panorama-Publikumspreis. Die Kritikerreaktionen in der Heimat waren, wie immer bei Dragojevic, positiv bis gespalten. Wenn die einen von einem neuen Lubitsch sprechen und die anderen einen „geistigen Genozid“ anprangern, hat einer alles richtig gemacht. So viel Anspruch muss sein.

Parada Serbien/Kroatien u. a. 2011. Buch & Regie: Srdjan Dragojevic, Darsteller: Nikola Kojo, Miloš Samolov, Hristina Popovic u. a.; 115 Min., FSK ab 12.