Neuer Film von Spike Lee: Mein ist die Rache

Joe Doucett ist ein unangenehmer Kerl: laut, übergriffig, ordinär und versoffen. Er ist ein schlechter Ex-Ehemann, ein noch schlechterer Vater, und als Geschäftsmann lässt er es am nötigen Feingefühl fehlen. Kurz: Joe ist ein Saukerl und von den ersten Filmminuten an unsympathisch; Josh Brolin verkörpert ihn mit rückhaltloser Verve sowie leinwandbeherrschend. Auch in den folgenden anderthalb Stunden wird Joe dem Kinopublikum nicht wirklich ans Herz wachsen – wenngleich man am Ende der Tortur, die er in diesem Thriller erleidet, durchaus so was wie Mitleid empfinden kann.

Spike Lees neue Regiearbeit „Oldboy“ ist das Remake des gleichnamigen koreanischen Films von Park Chan-wook aus dem Jahr 2003, der wiederum auf dem 1996 bis 1998 erschienenen japanischen Manga von Tsuchiya Garon (Story) und Minegishi Nobuaki (Grafik) beruht. Erzählt wird die Geschichte einer grausamen Rache. Einer Rache, die umso schrecklicher erscheint, je klarer der ganze Umfang an sorgfältiger Planung und heimtückischer Überlegung wird, die in ihre Durchführung, in ihr finales Erscheinungsbild eingeflossen sind.

Knapp inszeniertes Vergehen von Zeit

Zwanzig Jahre nämlich dauert die Vorbereitung eines Spiels, dessen Zeuge die Zuschauer des Films werden. Zwanzig Jahre, die Joe Doucett – der gleich nach seiner Einführung als Anti-Identifikationsfigur von regennasser Straße weg entführt wird – in Gefangenschaft verbringt. US-Präsident Bush, das einstürzende World Trade Center, Afghanistan, der Irak-Krieg, Hurrikan Katrina, schließlich Obama: Knapp inszeniert Spike Lee durch einmontierte TV-Ausschnitte das Vergehen von Zeit in der Ödnis des zunächst immer gleichen Sets.

Es besteht aus Zimmer, Bad, Fernsehgerät, einem elektronischen Wandbild, das den Wechsel von Tag und Nacht anzeigt, sowie einem Poster, von dem ein schwarzer Hotelboy heruntergrinst. Drei Mal täglich wird Junkfood durch eine Klappe in der Tür geschoben. Joes Alltag in Gefangenschaft ist von eintöniger Routine geprägt, doch beherrscht wird es von der Reue über die verpasste Chance, der heranwachsenden Tochter ein tatsächlicher Vater zu sein. Allenfalls hin und wieder bäumt sich Joe Doucett verzweifelt gegen sein unbegreifliches Schicksal auf: Wer tut ihm das nur an? Und warum?

Diese Frage ist noch unbeantwortet, als Joe ganz plötzlich entlassen wird. Vielmehr eines Tages frisch frisiert und rasiert sowie elegant gekleidet einem Schrankkoffer auf einer Wiese irgendwo am Rande einer Stadt entsteigt. In seiner Jackentasche findet der Mann ein Smartphone, das einen 84-Stunden-Countdown anzeigt. Dass Joe nicht nach dem Grund für seine unerwartete Freilassung fragt, wird sich am Ende als verhängnisvoller Fehler herausstellen.

Keine Bedenken

Park Chan-wooks originaler „Oldboy“ wurde seinerzeit beim Festival in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Flankiert von den Filmen „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Sympathy for Lady Vengeance“ bildet er den Mittelteil der sogenannten „Rache-Trilogie“ – und erlangte Kultstatus, nicht zuletzt wegen seiner irritierend rücksichtslosen Verbindung von Stilwillen und Brutalität. Parks „Oldboy“ ist außerordentlich schön anzusehen – mitunter allerdings nur durch die Finger vor den Augen. Ein Remake muss sich demnach auch daran messen lassen, wie es sich zur ästhetischen Überhöhung gnadenlos drastischer Gewaltdarstellungen in gefühlter Überlänge verhält. Was das anbelangt, zeigt Spike Lee keine Bedenken. Er lässt sich nicht lumpen! Und Zartbesaitete seien hiermit gewarnt: Lees „Oldboy“ ist eine in jeder Hinsicht würdige Adaption des Stoffs und der künstlerischen Kompromisslosigkeit ebenso treu wie der Tiefe und Heftigkeit der Gefühle, die hier die Handlung antreiben.

Unangenehm nahe kommt der Film dem Zuschauer letztlich mit der Tatsache, dass keiner der Akteure von Grund auf kriminell oder von Natur aus böse ist. Es waren vielmehr die Umstände, ein grausamer Zufall, das unbarmherzige Schicksal, die die Lawine ins Rollen brachten. Völlig normale Menschen finden sich unvorbereitet in Situationen wieder, in denen Hass und Wut, Mord und Totschlag zum rettenden Mittel ihrer ansonsten verlorenen Existenz werden. „Oldboy“ stellt auch eine nur wenig ins Groteske gewendete Abrechnung dar mit jener verharmlosenden Leichtfertigkeit, mit der das Motiv „Rache“ gemeinhin im Genrefilm eingesetzt wird. Und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass man sich als Zuschauer am Ende, wenn doch alle bekommen haben, was sie wollten respektive verdient haben, immer noch unbehaglich fühlt. Wenn nicht gar elend.

Oldboy USA 2013. Regie: Spike Lee, Drehbuch: Mark Protosevich, Kamera: Sean Bobbitt, Darsteller: Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Sharlto Copley u.a.; 104 Minuten, Farbe. FSK ab 16.