Ein scheuer Junge aus den USA, magisch angezogen von altenglischem Zauberfirlefanz – in bester Auteurmanier scheint der Film die Geschichte seines Schöpfers zu erzählen. Einmal quer über den Atlantik liegt diese seltsame Insel, auf der andersbegabte Kinder ihre Schrullen ausleben dürfen, die andernorts nur Makel sind. Ist das nicht reinster Tim Burton? So wie Jake (Asa Butterfield) aus Florida muss sich der Filmemacher einmal gefühlt haben, als er noch nicht wusste, dass er einmal Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ verfilmen oder die Grotesken eines Roald Dahl ins Bild setzen würde. Jake ist fremd in dieser Welt, er glaubt sich auch nicht sehr begabt. Doch die makabren Gruselgeschichten des Großvaters, die ihn hierher gelockt haben, erweisen sich allesamt als wahr.

Indes hat sich Burton seine wundersamen Gestalten – das Schwebemädchen, den unsichtbaren Jungen, die Nackenfresserin und deren Beschützerin, die vogelhafte Miss Peregrine – nicht selbst ausgedacht. „Die Insel der besonderen Kinder“ kam auf Umwegen zu ihm, eine Auftragsarbeit. Die Buchvorlage des Amerikaners Ransom Riggs, 2011 erschienen, schrie einfach nach Tim Burton. Riggs’ beste Idee allerdings hat der Kalifornier gar nicht verwendet: Der Schriftsteller ließ sich zu seiner wilden Reise durch Zeit und Raum von alten Fotografien inspirieren, die er über die Jahre auf Flohmärkten zusammengesammelt hatte. Auf eine heute nicht mehr zu klärende Weise gab es das rätselhaft schwebende Mädchen und seine Verfolger, die grausigen Kinderaugenfresser, wirklich – in einer längst untergegangenen, vergilbten und an den Rändern ausgefransten Realität von gestern.

Doch wozu gibt es Zeitschlaufen? Durch eine solche gelangt Jake auf die Insel, die einerseits vor der walisischen Küste liegt, andererseits im Jahr 1943. Jeden Abend stellt Miss Peregrine die Uhr zurück, damit das so bleibt. In der Nacht nämlich wird ihr Waisenhaus von deutschen Fliegerbomben zerstört. Es ist eine ziemlich verworrene Geschichte, aber als Miss Peregrine sieht man Eva Green mit Pfeife im Mund, und so ist alles gut. Die Französin reiht sich mühelos ein in die Phalanx der Burton-Helden, eine Zwielichtgestalt wie Willy Wonka, eine Rote Königin in Schwarz. Wenn es der Miss behagt, erscheint sie auch als Falke.

In der ersten Stunde dieses Zauberspektakels findet Burton zu alter Form. Er stellt seine Skurrilitäten nicht aus, sondern versieht die kindlichen Existenzen mit Anmut wie einst Edward mit den Scherenhänden. Man sollte ihm auch nicht vorwerfen, dass er sich bildlich an der jüngeren, spanisch-mexikanischen Schule eines Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“) orientiert. Eigentlich holt sich Burton zurück, was ihm rechtmäßig gehört. In den letzten Filmen ließ sich beobachten, dass er des eigenen Stils müde war, ohne etwas Neues zu wagen. Nun fügt sich alles bestens zusammen.

Gegen Ende, da die Todesser zur Schlacht rufen, gewinnen die digitalen Effekte die Überhand. Aus den besonderen Kindern werden kleine Superhelden. Burton beugt sich den Gesetzen des Fantasygenres, und sein rasend schöner Film sieht nur noch aus wie ein mittelprächtiges Harry-Potter-Spinoff. Doch selbst hier ist noch Platz für eine wunderbare Reminiszenz an den Stop-Motion-Trickmeister Ray Harryhausen, wenn sich Skelette duellieren wie in dessen legendären Animationen für „Jason und die Argonauten“ (1963).

Unter solchen piktorialen Aspekten betrachtet man Burtons Werk seit jeher, es ist gewissermaßen sein Schicksal. Diesmal jedoch gibt es eine tiefere Bedeutungsschicht, in der die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nachbeben, die Fluchtbewegungen des europäischen Kontinents, der Holocaust. Die neuere Fantasy verbaut solche Erinnerungssplitter, wie es ihr passt, gewiss. Aber das viel gescholtene Genre zeigt doch im Kern das immer selbe, dringliche Motiv, das einfach nicht vergilben will: Kinder, die vor Erwachsenen fliehen. Die Welten, in die sie fliehen, sind oft grausig, aber immer noch besser als die Realität. Es sind besondere Kinder wie die, von denen eigentlich alle Filme Tim Burtons handeln.

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Tim Burton, Jahrgang 1958,  drehte als 13-Jähriger seinen ersten Film. Er hat eine große Leidenschaft für Zwischenwelten, lässt seine Helden zwischen Leben und Tod, Horror und Komödie agieren.

Seine bekanntesten Filme sind „Batman“ (1989), „Edward mit den Scherenhänden“ (1990), „Planet der Affen“ (2001), „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) und „Alice im Wunderland“ (2010).

Die Insel der besonderen Kinder (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children), USA 2016. Regie: Tim Burton, Drehbuch: Jane Goldman, Kamera: Bruno Delbonnel, Darsteller: Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson, Judi Dench u.a.; 127 Min., Farbe. FSK ab 12 – ab Donnerstag im Kino.