Das Grab ist leer, Ort eines Rituals, das niemanden erlöst. Die junge Frau ebenso wenig wie den jungen, ihr unbekannten Mann, den sie heimlich dabei beobachtet, wie er Blumen auf das Grab legt. François Ozons Film „Frantz“ beginnt auf dem Friedhof einer deutschen Kleinstadt, nur wenige Monate nach dem Ersten Weltkrieg.

Die beiden Figuren bewegen sich wie ferngesteuert, in ihren schönen Gesichtern steht die Depression. Was sie verbindet, trennt sie auch: Der Tote, Verlobter der jungen Frau, ist im Krieg gestorben, kaum 25 Jahre alt. Was der junge Mann am Grab mit ihm zu tun hatte, enthüllt der Film allmählich, aber auch nicht ganz. Es bleibt, wie immer bei Ozon, etwas Unaufgelöstes zurück, etwas, das in einen nächsten Film hineinreichen wird.

Gegenstimme zu Hanekes

Wie sein Lehrer Eric Rohmer arbeitet auch François Ozon zyklisch. In großen Kreisen kommt er immer wieder auf seine Grundthemen zurück. Verlust, Trauer, homosexuelles Begehren, Verwandlung, Lügen und Geheimnisse. Darum geht es auch in „Frantz“, der nur auf den ersten Blick eine moralische Erzählung von Schuld und Sühne ist.

Denn anders als in Michael Hanekes „Das weiße Band“, den Film, den Ozon seinen Schauspielern vor den Dreharbeiten nahelegte, um sie in die Epoche seines Film eintauchen zu lassen, sind in „Frantz“ alle Figuren schuldlos, jedenfalls fast. Es gibt kaum gegensätzlichere Werke, trotz ihres gemeinsamen Bekenntnisses zu Schwarz-Weiß.

Haneke, dessen Film unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg spielt, spürt in das Böse hinein, ortet die Gewalt, die wenig später in kollektive Exzesse übergeht, in einer protestantischen Bigotterie, die alles Lebendige durch ihr sadistisches Regelwerk abtötet.

Nichts entgeht der Gnadenlosigkeit, kein Kind, schon gar kein krankes. François Ozons „Frantz“ ist gleichsam die Gegenstimme dazu, das andere Gesicht der Menschen des frühen 20. Jahrhunderts.

Trostbedürftig, kultiviert, fähig zu vergeben und zu lieben. „Frantz“ endet mit dem Satz der jungen Frau vor Edouard Manets Bild „Selbstmörder“. „Es gibt mir Lust zu leben“, sagt sie auf Französisch. Ozon ist ein Regisseur, der seine Figuren am Ende fast immer beschenkt. Niemand muss sich fürchten vor seinem Kino.

August Sander hat die Klassengesellschaft dieser Zeit in seinen Fotografien vermessen, Ozon, ist genau in Dekor und Habit. Und doch konstruiert er keinen Typus, es sind komplexe Wesen, die er hier erschaffen hat, unabhängig auch von ihren Vorgängern in Lubitschs Film „Broken Lullaby“, den Ozon voller Respekt zitiert, aber er erzählt den Stoff aus anderer Perspektive.

Es ist die junge Frau, die Ozon ins Zentrum rückt, Anna, still und subtil gespielt von Paula Beer. Anna verliert die Liebe, bevor sie sie gekannt hat. Wie eine Adoptivtochter wohnt sie bei den Eltern ihres toten Verlobten Frantz. Der Vater, ein Arzt (Ernst Stötzner) ist erstarrt in Trauer um seinen einzigen Sohn, er selbst hat ihn dazu gedrängt, sich als Freiwilliger zu melden.

Die Mutter (Marie Gruber) umfängt die Schwiegertochter mit Wärme, ebenso wie den unbekannten jungen Franzosen Adrien (Pierre Niney), der eines Tages vor der Tür steht – der Mann, der Blumen am Grab des Sohnes niederlegt.

Beide lügen, aber aus lauteren Absichten. Die Lüge schützt den anderen vor einem Schmerz, dem er nicht gewachsen ist. Es gibt vermutlich ohnehin kaum mehr als ein Überleben nach dem Tod eines Kindes. Anna und Adrien teilen ein Geheimnis, das sie den Eltern von Frantz nicht zumuten wollen.

Nachruf von bestechender Schönheit

François Ozon ist ein Spezialist des posttraumatischen Zustands. Viele seiner Filme erzählen vom Weiterleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Hier aber nähert er sich zum ersten Mal der kollektiven Trauer in den so unterschiedlich verwundeten beiden Nationen Deutschland und Frankreich.

Dabei arbeitet er symmetrisch – man könnte sagen bilateral, mit großer Neugier auf die deutsche Geschichte und Kultur – auch hier unverkennbar Schüler von Rohmer. Zweimal singen in „Frantz“ Männer die Hymnen von Krieg, Ehre und Ruhm. „Die Wacht am Rhein“, in einem deutschen Wirtshaus, und die „Marseillaise“ in einem Pariser Bistro.

„Unreines Blut tränke unsere Furchen“, heißt es dort, „Der Rhein bleibt deutsch wie meine Brust“, hier. Kriegslieder, ein brutaler Kontrast zur Welt, in der sich Anna, Frantz und Adrien bewegt haben, in der Lyrik von Rilke und Verlaine, in der Musik von Claude Debussy. An diesen ganz realen Resonanzraum erinnert „Frantz“ und betrauert damit auch seine Zerstörung. Ein Nachruf von bestechender Schönheit.