Herr Sievers, sind Sie eigentlich noch aufgeregt vor Ihrer ersten regulären „heute“-Moderation? Schließlich haben Sie das „heute-journal“ und andere Magazine ja schon vertretungsweise moderiert.

Ein bisschen Lampenfieber habe ich immer. Das ist auch ganz gut, weil so die Konzentration nicht nachlässt – zumindest bilde ich mir das ein. Wenn es ganz schlimm kommt: Drei Mal ein- und ausatmen. Das war der Tipp im Krisentraining bei der Bundeswehr. Das hilft auch im Studio.

Vor kurzem haben wir Sie noch als Korrespondent in Tel Aviv erlebt, nun kommen Sie als Nachrichtensprecher zurück. Ist das nicht ein komplett neuer Job?

Es ist ein Wechsel der Perspektive. Ich stehe jetzt auf der anderen Seite des Tischs, wenn Sie so wollen. Aber ich habe ja all die letzten Jahre schon täglich als „Zulieferer“ für die aktuellen Sendungen des ZDF gearbeitet. Und vieles von dem, was ein Reporter können muss, macht auch einen Moderator aus: Zusammenhänge zeigen, klare Worte finden. Wir wollen Tag für Tag den roten Faden durch die Nachrichtenwelt bieten. Einzelne Info-Häppchen kann ja jeder im Netz finden. Ob etwas wirklich wichtig ist und warum, verrät das Handy nicht.

Wie stark sind Sie in die Gestaltung von „heute“ einbezogen? Mancher glaubt vermutlich, Sie kommen erst abends ins Studio und lesen vom Teleprompter ab.

Fernsehen ist immer Teamarbeit. Ich bin Teil der Redaktion, pünktlich jeden Morgen ab 10 Uhr. Wir entscheiden gemeinsam, was in die Sendung kommt und wie. Ich versuche die Moderationen, so weit es die Zeit erlaubt, selbst zu schreiben. Das hilft auch deshalb, weil man sich bei Selbstgeschriebenem in der Regel nicht verspricht.

Als ehemaliger Korrespondent in Tel Aviv werden Sie sicher besonderes Augenmerk auf die Berichte aus dem Nahen Osten legen. Doch in der Branche gelten Berichte über diesen Dauerkonflikt als Quotenkiller!

Da habe ich komplett andere Erfahrungen gemacht. Das zeigen nicht nur die Verläufe der Quoten, sondern auch die Reaktionen: Es gibt ein unglaublich starkes Interesse, viele Zuschauer werden bei dem Thema auch hoch emotional. Das geht dann bis zu üblen Beschimpfungen auf Twitter.

Worauf muss ein Reporter und Moderator hier besonders achten?

Sie müssen sich vor Floskeln hüten wie: „Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter“ oder „der Nahe Osten kommt einfach nicht zur Ruhe.“ Das ist doch kein Konflikt auf Autopilot, der in regelmäßigen Abständen gottgegeben neu entflammt. Es gibt immer konkrete politische, militärische, auch wirtschaftliche Ursachen und Interessen. Und die gilt es zu zeigen.

Ist es nicht dennoch belastend, aus solch einer Dauerkrisenregion zu berichten? Sind Sie deshalb nach fünf Jahren nach Deutschland zurückgekehrt?

Nein, ich finde eine gewisse Rotation von Korrespondenten richtig. Wer zu lange an einem Ort bleibt, läuft Gefahr, den Blick auf die Besonderheiten zu verlieren und den Blick auf das Heimat-Publikum. Ich war fünf Jahre lang sehr gern in Israel und bei den Palästinensern unterwegs – nicht nur, weil dort fast jeden Tag die Sonne scheint. Die Menschen sind, bei allem Leid, das sie erleben, sehr offen gegenüber Fremden, auch fremden Fernsehreportern. Sie holen dich in ihr Haus und trinken mit dir Kaffee, selbst wenn sie gerade nahe Angehörige verloren haben. Ich habe dort für das ZDF viele ergreifende Geschichten erlebt, die ich nicht mehr vergessen werde. Ein Privileg. Während viele Privatsender ihre Korrespondentenstellen abbauen, sind wir vor Ort, können eigene, exklusive Berichte bringen. Das muss auch das Ziel von „heute“ sein: Die Sendung zeigt Bilder, die es so nur hier im ZDF zu sehen gibt – auch Nachrichtensendungen dürfen überraschen.

Das Gespräch führte Torsten Wahl.