Die Europäische Union hat ihre Grenzen geschlossen. Millionen Flüchtlinge sitzen in riesigen Lagern in Afrika fest, geduldet von den nordafrikanischen Staaten. Ohne Zukunft. Ohne Hoffnung. Mit so viel Zeit, dass man eigentlich auch zu Fuß nach Deutschland gehen könnte. Mitten durch die Sahara, live und exklusiv begleitet vom deutschen Privatfernsehen. In einem Tross von 150.000 Menschen, der auf seinem langen Marsch an die deutsche Grenze auf das Doppelte anschwillt. Mit einem Trash-Star, dem „Engel im Elend“, an der Spitze. Wie weit wird der Zug kommen? Und wie wird Deutschland reagieren?

Timur Vermes’ Buch „Die Hungrigen und die Satten“ ist eine Satire über einen Flüchtlingstreck, die Kilometer für Kilometer beklemmender wird. Und in einer grausamen Realität endet. Ein Gespräch mit dem 1967 in Nürnberg geborenen, Journalisten und Autor, der vor sechs Jahren schon die Hitler-Satire „Er ist wieder da“, herausbrachte.

Herr Vermes, in Ihrem Roman-Debüt „Er ist wieder da“ haben Sie Hitler im Berlin des Jahres 2011 auferstehen lassen. In Ihrem neuen Buch „Die Hungrigen und die Satten“ lassen Sie einen Flüchtlingstreck aus der Sahara nach Deutschland laufen. Und platzen damit mitten hinein die Debatte um Ankerzentren und Abschottung, um Migration und Integration. Gibt es da einen Zusammenhang?

Nein. Höchstens den, dass man die Merkel-Kritik, die mein Hitler äußert, heute auf jeder Pegida-Demo hört. Die Idee zum Buch ist im Herbst 2015 entstanden. Angesichts der Flüchtlingsströme hatte ich natürlich den selben Gedanken wie alle anderen auch. Erst Begrüßungskultur mit Schokolade und Plüschtierchen, doch nach einiger Zeit kamen schon die Gegenbewegungen. Hilfe, Hilfe! Jetzt muss aber bald wieder Schluss sein. Jetzt müssen wir aber schnell die Grenzen dichtmachen.

Ist das nicht ein normaler Reflex?

Mag sein. Aber er löst das Problem nicht. Ich habe mich an die Fernsehbilder aus dem griechischen Auffanglager Idomeni an der Grenze zu Mazedonien im Frühjahr 2016 erinnert. Da sind Menschen an den Zaun gerannt, haben mit bloßen Händen in den Nato-Draht gegriffen. Da ist mir einiges klargeworden.

Was denn?

Das sind Menschen, die sich nicht aufhalten lassen. Die wollen nicht länger arm sein. Es geht auch nicht darum, dass sie erst vom Bombenhagel verfolgt werden und danach aber bitteschön ganz dringend verhungern müssen, um bei uns Asyl zu kriegen. Nein. Es kommen die Leute, die sagen, ich möchte eine Zukunft haben. Dafür bin ich bereit, mein Leben zu riskieren. Und das mache ich jetzt zu eurem Problem.

Ein Problem, das die Politik mit Ankerzentren lösen will.

Mein Vater stammt aus Ungarn. Er war auch ein Wirtschaftsflüchtling. Was sollen wir den Menschen denn antworten? Wie? Sie werden nicht verfolgt? Dann gehen Sie bitte anderswohin und leben ihr Kack-Leben dort zu Ende. Aber bitte nicht bei uns! Das wird nicht funktionieren.

In Ihrem Buch rollen am Ende 300.000 Menschen auf die deutsche Grenze zu. Ist das nicht übertrieben?

Ich finde das gar nicht so aberwitzig und auch technisch vorstellbar. Aber das sind Detailfragen. Dass der Flüchtlingszug vom Privatfernsehen begleitet wird, ist nur für das Buch von Belang. Dadurch nimmt es Erzählfahrt auf. In der Realität wäre der erste Zug wahrscheinlich. Der zweite oder dritte aber nicht. Wenn erst einmal 300.000 Menschen auf dem Weg sind, kommt das Fernsehen von allein. Im Kern geht es darum, dass die Debatte an den entscheidenden Fragen immer wieder vorbeiläuft.

Die da wären?

Man kann nicht einfach sagen, die setze ich jetzt mal in ein Lager, weil die bald wieder verschwinden. Das wird nicht passieren. Wir haben einen Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Wenn es dafür überhaupt eine Rechtfertigung gibt, dann die, dass wir uns damit Zeit für die Lösung des Problems kaufen. Aber wir sind seit zwei Jahren keinen Schritt weiter.

Hätten Sie eine Lösung?

Ich habe nicht das Toprezept. Aber die Zutaten für die Lösung sind seit Jahren bekannt. Im Buch knoble ich die für meinen CSU-Innenminister Leubl aus. Der wartet natürlich auch so lange wie möglich, ob sich das Problem von selbst löst. Doch irgendwann stellt er fest: Er kann machen, was er will – die Flüchtlinge kommen auf ihn zu. Also sagt er sich: Machen wir das Beste draus. Seine These ist: Wenn Du die Grenze mit Waffengewalt verteidigst ohne eine moralisch intakte Rechtfertigung, dann wird dieses Land dafür zahlen. Es kappt die Wurzeln seines Wohlstands. Es wird zu einem Land mit eingeschränkter Demokratie, ein autokratisches rechtes Land.

In Ihrem Roman setzt er sich in einer Talkshow dafür ein, die Grenzen zu öffnen. Und wird wenig später Opfer eines Attentats.

Ja. Leubl hat den Nachteil, dass man für die Politik, die er vertritt, derzeit wohl erschossen würde. Von Rechtsradikalen oder von Bürgerwehren. Sein Nachfolger lässt eine Mauer bauen. Und muss feststellen: Wer Grenzen dichtmacht, sollte sich klar darüber sein, dass man sie irgendwann auch verteidigen muss. Und zwar nicht gegen 200 Flüchtlinge, wie es die Österreicher gern propagieren, sondern gegen deutlich mehr Menschen. Ich behaupte, mit geschlossenen Grenzen hat man auf Dauer ein Land auf dem demokratischen Level von Ungarn oder der Türkei.

„Er ist wieder da“ hat sich mehr als drei Millionen Mal verkauft, war 130 Wochen in den Bestsellerlisten, wurde verfilmt, ist Pflichtlektüre an Schulen. Was hat Sie daran am meisten überrascht?

Dass dieses Phänomen von den Medien erst richtig zur Kenntnis genommen wurde, als der Film in die Kinos kam. Da war das Buch schon drei Jahre auf dem Markt. Ich hätte es spannend gefunden, wenn tatsächlich jemand dieses Hitler-Show-Format aufgegriffen hätte. Eine Talkshow mit einem schlagfertigen Hitler-Darsteller hätte sich für das Privatfernsehen schon angeboten. Die Frage, was man machen darf, ist bis heute nie richtig diskutiert worden.

Wie groß ist der Erfolgsdruck jetzt?

Diesen Schuh ziehe ich mir einfach nicht an. Ich kann ja nicht mal sagen, warum die Leute reihenweise „Er ist wieder da“ gekauft haben. Vor dem zweiten Buch wurde für mich auch keine Ablöse von 20 Millionen Euro gezahlt, so dass ich gezwungen wäre, den 1. FC Köln wieder in die erste Liga zu schießen. Was sollte ich tun, um einen ähnlichen Knaller hinzulegen? Dafür gibt es keinen Werkzeugkasten. Ich bin auch nicht Mario Gomez. Wenn der drei Wochen lang kein Tor geschossen hat, weiß das jeder. Wenn ich auf die Straße gehe und habe nur drei Bücher verkauft, sagt keiner: „Schau an, das ist dieser Herr Vermes, der nur drei Bücher verkauft hat.“ Das ist ein relativ erträglicher Druck.

Wie würden Sie Ihren neuen Roman einordnen?

In Deutschland wird ja gern zwischen ernster und Unterhaltungsliteratur unterschieden. Ich kann nicht sagen, was die Medien aus diesem Buch machen werden. Ob sie zum dem Schluss kommen, das sei etwas Wertiges oder nicht. Ich kann nur so schreiben, wie ich denke. Unterhaltung gehört zu einem Buch dazu, damit es gelesen wird. Ansonsten braucht es sehr viel guten Willen. Den kann ich von meinem Leser nicht erwarten. Zumindest bin ich es nicht gewohnt. Ich komme vom Boulevard, vom Express. Ich habe Angst, dass mir der Leser davonläuft. Also muss ich ihm dauernd etwas bieten.