Wo warst du 1962?“, fragte im Jahr 1973 die nostalgische Komödie „American Graffiti“ von George Lucas. Der Erfolg dieses Films ermöglichte es dem jungen US-Regisseur, seinen Traum von einer Weltraumoper zu verwirklichen. Seither lautet die Frage: „Wo warst du 1977?“ – jenem Jahr, als „Star Wars“ Hollywood für immer veränderte. „Das Erwachen der Macht“ ist nun der siebte „Star Wars“-Film in 38 Jahren. Er muss die Kinolandschaft nicht verändern, soll aber dem Urtext des Blockbusters und seiner Nachfolgefilme neues Leben einhauchen.

Der Regisseur von „Das Erwachen der Macht“, J.J. Abrams, hat vor sechs Jahren bereits die „Star Trek“-Reihe zu neuem Leben erweckt – auch weil Lucas damals noch an seiner Schöpfung festhielt. Dabei war immer klar, welcher „Star“-Serie Abrams’ wahre Liebe galt. Künstlerisch riskiert er nun seinen Ruf, denn es scheint unmöglich, all den Erwartungen gerecht zu werden, die sich an den neuen „Star Wars“-Film richten. Mit umso größerer Freude verkünden wir deshalb: Die „Episode VII“ ist ein wunderbarer „Star Wars“-Film geworden.

Denn J.J.Abrams hat spielerische Auswege aus nahezu allen Zwängen gefunden, auch aus seinen eigenen. Wo er früher inszenatorisch mächtig auf die Tube drückte, sobald die Story dünn wurde, lässt er sich hier Zeit. Er lässt all die Absurditäten zu, die nun mal zum „Star Wars“-Universum gehören, etwa wenn Oscar Isaac als Poe Dameron, Flieger-As der Rebellen, „zweifache Lichtgeschwindigkeit“ befiehlt. Abrams schafft Platz für Gefühle beim Wiedersehen mit Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill, der alt gewordenen Originalbesetzung, und beim Kennenlernen des neuen, jungen Ensembles.

Hier ist Daisy Ridley die große Entdeckung des Films. Als auf sich gestellte Technikmüllsammlerin Rey trägt sie große Teile des Films mit wilder Entschlossenheit. John Boyega steht ihr als desertierter Sturmtruppler kaum nach: Seine Fähigkeiten wachsen am unbedingten Willen, das Richtige zu tun. Und der Weg dahin ist ebenso schmerzhaft wie komisch.

Im Prinzip sind diese beiden beiden Filmfiguren verbesserte Luke-Skywalker-Modelle, nämlich aktiver und humorvoller als der leicht benebelte Farmersjunge aus Tatooine. Und so ist auch der rollende Roboter BB-8 ein dynamisches Update des alten Publikumslieblings R2-D2. Die besten Dialogzeilen gehören übrigens Harrison Fords Han Solo: „Ach, dir ist kalt?“, raunzt er seinen ganzkörperbepelzten Co-Piloten Chewbacca in eisiger Landschaft an. In der alten Trilogie war Solo ein nachträglich glorifizierter Nebencharakter; hier ist er erstmals tief in die Geschichte verstrickt.

Und die dunkle Seite der Macht? Die Protagonisten des „First Order“, der Nachfolge-Organisation des Galaktischen Imperiums, wirken auf den ersten Blick nicht so wuchtig wie einst Darth Vader, dieser Jungianische Archetyp des Bösen. Domhnall Gleeson kommt als Machtbürokrat General Hux arg burschenhaft rüber – bis er sich in eine Goebbels’sche Hassrede hineinsteigert. Adam Drivers schwarz gewandeter Kylo Ren beherrscht zwar die Macht, jedoch nicht sich selbst; er darf dann aber die Maske ablegen und dämonische Kunst zeigen. Wirklich enttäuschend ist der Supreme Leader Snoke (Andy Serkis), ein Motion-Capture-Charakter: Man sieht ihn nur als überlebensgroßes, Gollum-artiges Hologramm.

Der größte Triumph dieses Films ist die Haptik. Man hat beim Zuschauen einfach ein gutes Oberflächengefühl. Zwar lässt sich jeder Dollar des 200-Millionen-Dollar-Budgets auf der Leinwand ausmachen: Hunderte Tie-Fighter jagen ebenso viele X-Flügler, Planeten implodieren, Tentakel-Monster werden durch den Hyper-Raum gejagt. Dennoch erweckt Abrams immer wieder den Anschein fröhlichen Improvisierens. Etwa wenn plötzlich ein Alienkopf, der ziemlich nach Plastik aussieht, aus einer Sanddüne schießt.

Die Handlung hat Abrams gemeinsam mit Lawrence Kasdan erdacht (der nicht nur Drehbuchautor ist, sondern auch Regisseur von Filmen wie „Grand Canyon“); sie ist denkbar simpel: eine interstellare Schnitzeljagd, aufs junge Publikum gemünzt oder aufs innere Kind älterer Kinogänger. Der Film, den Sechs- bis Elfjährige nur in Begleitung ihrer Eltern sehen dürfen, ist übrigens weitgehend kinderfreundlich geraten – abgesehen von einem schwer traumatischen Moment. Sollte das aber Jüngere vom Kinobesuch abhalten? Dann müsste man auch von „Bambi“ abraten. Zudem würde der Nachwuchs einen einmaligen Raumschiff-Ritt verpassen in einem „Star Wars“-Film voll liebenswerter Helden, verabscheuungswürdiger Bösewichte, bizarrer Außerirdischer und scheppernder Droiden. Wo waren Sie 2015? Zurück in der Zukunft von 1977. Die Macht ist wieder erwacht – ein großes Glück für unsere Galaxie.