Wer Woody Allen einzig für einen Komödienregisseur hält, wird regelmäßig enttäuscht. Denn auf – sagen wir – drei, vier eher heitere Filme der Kinolegende, folgt unweigerlich einer, der nur so von Bitterkeit, Trauer, mitunter sogar analytischer Kälte strotzt. Vor drei Jahrzehnten wurden solche Allen-Filme oft mit dem Hinweis auf Ingmar Bergman einge(n)ordnet, für den Allen eigener Auskunft zufolge tatsächlich enorme Bewunderung empfindet. Es kursiert da die Anekdote vom gemeinsamen Treffen der beiden Größen in einem New Yorker Hotel, wobei während der ganzen Zeit – es gab Fleischklopse – kein Wort gefallen sein soll, weil sich sowohl Bergman als auch Allen zu eingeschüchtert fühlten vom jeweils anderen. Aus übergroßer Verehrung füreinander trennte man sich, ohne ein Wort gewechselt zu haben.

Das ist lange her. Und doch ist es auch heute möglich, den US-amerikanischen Stadtneurotiker mit dem schwedischen Existenzphilosophen hinter der Kamera kurzzuschließen. Denn da wird plötzlich eine Distanz sichtbar in Allens – wie man gern sagt – ernsteren Arbeiten, die bar jeder Zuneigung geschweige denn Empathie ist. Und so ruht der Blick des Regisseurs durchaus kühl beobachtend auf Jasmine, der Titelheldin von „Blue Jasmine“. Aber es ist keineswegs so, dass er bei seinem Studium dieser Frau aus der New Yorker Oberschicht, die ungeheuer tief fällt, noch zu einem Schluss kommen will. Nein, die Schlussfolgerung aus der Beobachtung von Jasmine stand offenbar bereits fest, noch bevor dieser Film begonnen wurde. Und nun darf sich der Zuschauer an einer Studie delektieren, an einem Psychogramm, dessen Verfertiger quasi wissenschaftlich motiviert zu sein scheint als – Gott bewahre – allgemeinmenschlich.

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