Sie haben gerade jemanden aus einem top-geheimen Hochsicherheitsgefängnis weit unterhalb des Pentagons befreit, jetzt steht Ihnen in einer großen Küche ein halbes Dutzend Wachleute im Weg und schießt schon. Was macht man da? Wenn Sie jemand wie Peter (Evan Peters) sind, setzen Sie sich ihre Kopfhörer auf und hören etwas Schlager-Pop, während Sie entspannt, aber lichtschnell durch den Raum huschen, einem Wachmann die Mütze mopsen, zwei andere für einen gegenseitigen K.O. zurechtstellen und mit spitzen Fingern die fliegenden Pistolenkugeln umsetzen. Es ist so schön, Mutant zu sein.

Diese Sequenz illustriert die Spielfreude von Bryan Singers hierzulande wenig elegant „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ betiteltem Film. Singer und Marvels Mutanten-Saga waren immer wieder für Überraschungen gut: Statt um außerirdische Bedrohungen, pixelige Schlachtgetümmel und Bösewichter-Karikaturen ging es um kleinteiligere, persönliche Konflikte und konkretere Bezüge. Im Mittelpunkt stehen bei Singer Mutanten, Menschen mit besonderen, auch verstörenden Eigenschaften, im Kern geht es um Anderssein, Außenseiter, Ängste und Unterdrückung.

Singer verhandelt mit seinen „X-Men“ Homophobie, Rassismus und Bürgerrechtsbewegung, Dr. Martin Luther King und Malcolm X und den Holocaust. Spektakel mit Realitäts- und Geschichtsbezug, in einfallsreiche Bilder verpackte Grübeleien – wie albern wirken daneben die Spider-Men, die Avengers oder auch die „X-Men“-Filme, an denen Bryan Singer nicht beteiligt war, Brett Ratners grotesker „Der letzte Widerstand“ (2006) oder die mittelmäßigen „Wolverine“-Abenteuer?

Schlimme Hemden, Citroën DS und Richard Nixon

Die ignoriert Singer einfach und schließt jetzt stattdessen an seinen „X-Men 2“ (2003) und den von ihm mitgeschriebenen und produzierten „X-Men: Erste Entscheidung“ (2011) an. Das ist erzählerisch wie geschäftlich clever, „Zukunft ist Vergangenheit“ ist sowas wie ein Best-Of der Reihe. Am Anfang steht dabei ein düsteres Ende: In nicht zu ferner Zukunft stehen die von den alten Freunden Charles „Professor X“ Xavier (Patrick Stewart) und Erik „Magneto“ Lensherr (Ian McKellen) angeführten Mutanten mit dem Rücken zur Wand, die „Sentinels“, automatisierte Kampfmaschinen, haben fast alle Mutanten und deren Sympathisanten ausgerottet und den Rest der Menschheit sicherheitshalber versklavt.

Der Lauf dieser Geschichte muss verändert werden. Dafür schickt man das Bewusstsein von Wolverine (Hugh Jackman) zurück in dessen Körper des Jahres 1973, er soll die damals verfeindeten Kontrahenten Charles (James McAvoy), medikamentenabhängiger Melancholiker, und Erik (Michael Fassbender), als vermeintlicher Kennedy-Attentäter weggeschlossen, zusammenbringen. Die Beiden sollen Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence) daran hindern, die zukünftige Tragödie mit der Ermordung des Sentinels-Erfinders und Mutanten-Gegners Bolivar Trask (Peter Dinklage) überhaupt anzuzetteln.

Der letzte „X-Men“-Film spielte vor der Kulisse der Kuba-Krise, der neue während der Vietnam-Friedensverhandlungen in Paris. Bryan Singer hat viel Freude an der Zeit: Schlimme Hemden und Roberta Flack, Citroën DS und Richard Nixon. „Zukunft ist Vergangenheit“ ist eine Polit-Allegorie über faschistoiden Sicherheitswahn, aber auch ein farbenfroher Kostümschinken. Und Singers Inszenierung profitiert spürbar davon, nicht alles und jeden zu erklären.

Sein Film bleibt so zwar manchmal zu sehr Fan-Veranstaltung; viele Anspielungen und Gastauftritte sind für Neueinsteiger unverständlich. Doch hält er eben ein bemerkenswertes Ensemble und hübsche Schauwerte parat: Die eingangs skizzierte Befreiungsaktion, ein aus dem Fundament gerissenes, über Washington fliegendes Stadion, Mystiques kampfsportliche Biegsamkeit, das alles sieht man gern. Und Bryan Singer beweist Humor, im Comic-Superhelden-Kino eine sonst knappe Ressource. Wenn John F. Kennedy auch ein Mutant war, erklärt das nicht irgendwie alles?

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

(X-Men: Days of Future Past) USA 2014. Regie: Bryan Singer. Darsteller: Michael Fassbender, Hugh Jackman, Jennifer

Lawrence u.a.; 133 Minuten, Farbe.