Eine der ungerechtesten Berliner Architekturlegenden ist die vom Kunstgewerbemuseum am Kulturforum. Bis heute gilt der Architekt des 1984 eingeweihten Baus, Rolf Gutbrod, als grobschlächtig und „brutalistisch“. Sein Bau macht es auch leicht zu spotten: Bunkerartig geschlossene Fassaden, vergitterte Fensterfronten, labyrinthische Treppenhäuser mit massigen Brüstungen und Geländern, niedrige Räume, absurde Durchblicke zwischen fünfeckigen Pfeilern, die in achteckigen Deckenöffnungen verschwinden, spiegelglatte Fußböden.

Und so entschuldigten sich zur gestrigen Eröffnungspressekonferenz für die teilweise Neueinrichtung des Museums der Stellvertretende Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Günter Schauerte, und Museumsdirektorin Sabine Thümmler geradezu für ihr Haus. Dabei waren es ihre Vorgänger und die damaligen Bundesbauverwaltungen, die den künstlerisch konsequent durchdachten Entwurf von Gutbrod von 1966 in mehr als zehn Jahren Planungszeit ruinierten. Diese Fehler sollte nun das Berliner Büro Kühn Malvezzi korrigieren.

Überraschenderweise war es dann aber gerade Wilfried Kühn, der für die Ästhetik von Gutbrods Bau eintrat. Er habe Qualitäten, das Licht, die Durchblicke, sei als Fortsetzung von Hans Scharouns Stadtlandschaft geplant worden – solche Ideen müsse man nur wieder frei legen. Das Haus verdiene „Liebe“, nicht Verachtung.

Umbau als Strategie

Kühn Malvezzi haben keinen radikalen Totalumbau geplant – dafür hätten die 4,5 Millionen Euro für etwa 3 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auch nicht ausgereicht. Sie ergänzten Gutbrods Architektur nur, um sie klarer erscheinen zu lassen. Im großen Treppenhaus wurden die Brüstungen also glatt und weißstrahlend umhüllt. Mit den großen Buchstaben des neuen, von Double Standards entwickelten Leitsystems passt das ganz gut zum 60er-Jahre-Sichtbeton-Ambiente. Und auf der Galerie entstanden vier rechteckige, bis fast zur Technikdecke von 1984 reichende Pavillons für Vasen, Möbel, Schmuck und Keramik, aber auch Glasfenster aus Jugendstil, Art Deco und Reformmoderne.

Diese Pavillons verstellen allerdings auch die Offenheit von Gutbrods Galerien. Zudem bieten sie viel zu enge Ausstellungsräume: Wie hier herrlich geschwungene Jugendstil-Schreibtische in die Ecke gezwängt werden, zarte Korbmöbel wie beim Edeltrödler stehen und elegante Glaswaren mit riesigen Beschriftungen bedrängt werden, ist höchst bedauerlich. Noch mehr schmerzt, dass wegen des Platzverbrauchs für die Pavillons selbst so kostbare Objekte wie die Art-Deco-Ausstattung eines Maharadscha-Palastes nicht mehr gezeigt werden.

Vor allem wurde die bisherige Didaktik-Galerie, die um den Mittelaltersaal herumführt, für die neue Ausstellung der Modesammlung regelrecht eingehaust. Ein recht dunkler, enger Korridor für die Modegeschichte. Man möchte sich nicht vorstellen, was geschieht, wenn hier eine Schulklasse Broderie-Details debattieren soll. Überhaupt darf gefragt werden, ob eine solche Sonderausstellung für nur eine Gattung der historischen oder ästhetischen Erkenntnis dient: Sehr viel überzeugender jedenfalls sind in dieser Hinsicht die Pavillons mit der Mode der Zeit um 1800 oder des Biedermeier, die zwischen die entsprechenden Porzellan- und Möbelsammlungen gestellt wurden. Hier versteht man wie sich die ästhetische Kultur entwickelte.

Der Korridor greift mit seinen geschlossenen weißen Außenwänden aber auch massiv in die bisher mattfarbene Ästhetik des Mittelalter-Saals ein, des gelungensten Interieurs von Gutbrod. Dass die Ausstellung des Weltenschatzes mit dem berühmten Kuppelreliquiar nun auch auf Achse ausgestellt wird, zeigt noch deutlicher, wie wenig die Museumsleute bisher bereit sind, sich auf die gern asymmetrisierende Architekturhaltung der 1970er einzulassen.

Fatal: Der Design-Saal

Edel wird der Bau von 1984 also auch durch die Eingriffe von Kühn Malvezzi nicht, wenn etwa die Baubürokratenarchitektur von 1984 nun auf Kante sitzt mit weißen Wänden. Und ständig kneifen sich die Einbauten mit den schauderhaften Klimadecken.

Die ganz große Enttäuschung aber ist die Neuinszenierung der Design-Sammlung. Auch hier steht im Zentrum ein Pavillon von Kühn Malvezzi. Alles wirkt eng und die international verflochtene Design-Geschichte des 20. Jahrhunderts wird zu einer in Stilschubladen sortierten Angelegenheit. Die bisherige Ausstellung mit luftigen Raumensembles sah nicht nur besser aus, sie war auch weit instruktiver.

Zumal auch die neue Direktorin Sabine Thümmler eisern daran festhält, nur „originale“ Objekte auszustellen, also solche der ersten Fabrikationsgeneration, und wieder ganze Sammlungsteile ins Depot verbannt hat mit der Behauptung, nun das wirklich Wichtige herauszuheben.

Die Folge dieser Strategien ist, dass der in Wien oder London, Helsinki oder New York so wunderbar erlebbare Reichtum unserer Alltagsgestaltung in Berlin zur ästhetisierenden Häppchen-Kultur wird. Ob das die Zukunft des Moderne-Museums am Kulturforum sein kann, darf bezweifelt werden.