Als James Mercer und Brian Burton 2010 das erste Album als Broken Bells veröffentlichten, wirkte das zunächst wie eine ziemlich ausgedachte Paarung. Mercers Band The Shins standen für den Aufbruch des Indierock vom Campus in den Mainstream, Burton hatte als Danger Mouse mit einer Mischung aus staubigen Soul- und Rocksounds mit HipHop-nahen Beats eine ebenso deutliche wie erfolgreiche und grammybelohnte Handschrift gefunden. Entsprechend klang das Debüt zwar hübsch und kompetent, aber auch ein bisschen berechenbar und konstruiert.

Ihr neues Album „After the Disco“ zeigt die beiden nun als vertrautes Duo. Die Songs geben sich selbstbewusst poppig, aber sie verändern dennoch ständig die Farben und Wege. Unter einer gewissen Grundmelancholie schichten Broken Bells Stilmotive von den Sixties in die Neunziger und verwirren sie mit stets originellen Arrangements und unerwarteten Sounds von opulenten Streichern über akustische Gitarren zu dünnen Synthies und Krautrockbeats.

Wann war Ihnen klar, dass Ihre Zusammenarbeit keine einmalige Angelegenheit bleiben würde?

Brian Burton: Die Arbeit mit James war mir von Anfang an wahnsinnig wichtig. Als wir anfingen, hatte ich gerade viel Ärger mit der Plattenfirma – mit einer immer wieder verschobenen Produktion mit dem Folkrocker Sparklehorse – und sagte mir nur die ganze Zeit: Das hier nehmen sie mir nicht weg! Es hat sich angefühlt, als hätte ich seit je auf dieses Ding gewartet. Es hat geklappt, und dann hat auch die Tour überraschend gut funktioniert.

James Mercer: Das Tolle an Brian war, dass er gleich vorweg meinte: Mach dir keinen Kopf, wenn es schiefgeht. Aber es hat sofort zwischen uns gefunkt. Wir haben sehr zügig gearbeitet, fanden das Ergebnis sehr cool, und hatten beide das Gefühl, man könnte ewig weitermachen – warum also aufhören?

Das Album heißt „After the Disco“ und erinnert an Kraftwerk, die Bee Gees und Achtzigerglätte. Ein Titel heißt wiederum „The Remains of Rock and Roll“ – verabschieden Sie gleichzeitig Disco und Indierock?

BB: Wir verstehen den Discobegriff hier eher sozial: Es geht ums Erwachsenwerden, wenn die Clubphase vorüber ist. Musikalisch trifft es Kraftwerk allerdings sehr gut: Sie sind für mich die einflussreichste Band nach den Beatles – eine komplett neue Musik mit ihrem Minimalismus, den Tempi und Rhythmen. Indierock kann ich bei uns aber nicht finden, sowas höre ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Vielleicht denkt man das, weil die Musik eben nicht so eingängig ist.

Der Gedanke liegt angesichts eines HipHop-affinen Produzenten und eines Songwriters nahe. Wie arbeiten Sie denn zusammen?

BB: Viele Leute vermuten so eine Art Mash-Up. Aber das stimmt überhaupt nicht. Ich saß eigentlich immer in meinem Schlafzimmer und habe Songs geschrieben. HipHop habe ich ewig keinen mehr gemacht; und ich könnte im Leben nicht scratchen. Umgekehrt ist es auch nicht so, dass James keine groovy Sachen schreibt. Im Gegenteil kommt hier viel Groove von seinen unglaublichen Basslines. Ich komme eher von der atmosphärischen Seite, mit akustischen Gitarren, ausgefeilten Instrumentals und üppigen Streichern.

JM: (lacht) Tatsächlich habe ich mir manchmal mehr Beatorientierung gewünscht, und dann sagte Brian: akustische Gitarre rein, Drums rein.

James, das letzte Shins-Album „Port of Morrow“ von 2012 klang durchproduzierter als frühere Werke. Hat die Arbeit mit Brian Burton Einfluss auf ihr Schaffen?

JM: Bestimmt, ich mag Brians Art zu komponieren sehr. Natürlich benutze ich seit vielen Jahren Computer für meine Songs, aber bei Brian wird er das entscheidende Instrument zum Komponieren und Experimentieren.

Als Ersatz für Skizzen auf Gitarre oder Klavier?

BB: Eher im Sinne von Schreiben und Aufnehmen. Man kann sich zu Hause was ausdenken und das dann im Studio einspielen, ausschmücken, darüber nachdenken. Bei mir geschieht das alles gleichzeitig. Ich versuche, die Musik in der Entstehung zu entdecken. Sobald ich ein kleines Motiv habe, fange ich an zu arbeiten, suche mir Stellen, mit denen ich herumspiele und schichte. Und warte auf glückliche Zufälle.

Trotzdem wirkt das neue Album songorientierter, poppiger und weniger atmosphärisch.

BB: Es ist dichter. Das funktioniert aber eher so: Man hat eine kleine Instrumentalstrecke, einen Chorus, den man mag. Da muss man dann ehrlich zueinander sein und dranbleiben. Wie in der Jugend, wenn man – sagen wir – einen Cure-Titel findet und denkt: Ich habe irgendwie Lust, das noch mal zu hören. Ein Hook, ein cooler Synthesizersound: Los, das machen wir jetzt.

Sind Sie so ausgerechnet auf Jan Hammer gestoßen, den James in einem Interview als Einfluss für einen Achtziger-Touch genannt hat?

BB: Siehst Du, James? Ich sage immer: Nenne niemals Namen, das verfolgt dich durch die ganze Welt. Solche Momente sind reine Schamlosigkeit. Es gibt bestimmte Motive, Melodien, Sounds, die ganz unabhängig vom Kontext ein Gefühl …

JM: … eine Nostalgie erzeugen. Jan Hammer steht einfach für diesen superkommerziellen Synthiesound der Achtziger.

BB: „After the Disco“ ist keine Achtziger-Platte, aber für mich ein sehr persönliches Album. Es hat damit zu tun, wie man sich als Jugendlicher das Erwachsensein vorstellt, und wie es dann, wenn man erwachsen ist, nicht unbedingt so aussieht, wie man es sich ausgemalt hat. Nicht als Enttäuschung, sondern: Und jetzt? Wovon wirst Du jetzt träumen? War das schon die beste Zeit? Wie positionierst du dich neu? Daher kam ich hier wohl eher unbewusst auf ein paar bestimmte Keyboardsounds. Die Ästhetik der Achtziger beschwört für mich meine Jugend und Kindheit herauf.

Das Gespräch führte Markus Schneider.