Bleibt ihrem Stil treu: Lady Gaga.
Foto: Universal Music

Es ist sieben Jahre her: Lady Gaga, die platinblonde Sängerin aus New York, markierte mit dem Album „Art Pop“ langfristig ihr Revier im Popolymp der 2000er-Jahre. Wenn es auch nicht mit den Vorgängeralben „The Fame“, „The Fame Monster“ und „Born This Way“ mithalten konnte, verstand sogar spätestens jetzt der letzte Pophasser: An Stefani Joanne Angelina Germanotta, wie sie bürgerlich heißt, führt kein Weg vorbei.

Die damals 27-Jährige spielte mit Elton John, arbeitete mit dem Künstler Jeff Koons und ging auf Welttournee. Sie inszenierte sich als großes Pop-Phänomen, und Singles wie „Applause“ stürmten die Charts.

Dann kam Tony Bennett und ein Jazz-Album, ein Ausflug in den Country-Rock mit ihrer Platte „Joanne“ und ihr viel beachtetes Filmdebüt in „A Star Is Born“ (2018). Eine alte Geschichte vom hässlichen Entlein, das mit großem Talent gesegnet ist. Hollywood hat sich des Stoffes gleich mehrfach angenommen, etwa mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson in den Hauptrollen. Lady Gaga schlüpfte also in ein großes Paar Schuhe. Mit dem oscarprämierten Filmsong „Shallow“, einem ergreifenden Country-Rock-Duett mit Schauspieler Bradley Cooper, überzeugte sie schließlich all jene, die über Lady Gaga und ihre modischen Exkursionen bislang eher die Nase gerümpft hatten.

Mit „Stupid Love“ eröffnet Lady Gaga den Dancefloor 

Und jetzt? Wird sie weitermachen, wo zuletzt der Applaus am lautesten war? Nur mit Gitarre, Klavier und ihrer facettenreichen Stimme? Oder geht sie zu ihren Anfängen zurück? In die Weiten der Popgalaxie?

Bereits die erste Singleveröffentlichung ihres sechsten Studioalbums „Chromatica“ zeigte: Lady Gaga will Letzteres. Mit dem Neo-Disco-Hit „Stupid Love“ eröffnete sie den 80er-Jahre-Dancefloor neu, irgendwo dort, wo man noch immer das Pop-Imperium von Madonna verortet. Doch Gaga wäre nicht Gaga, wenn sie es nicht in ihrem Stil machte: Im dazugehörigen Video rotiert sie wie ein Roboter im pinkfarbenen Krieger-Outfit auf einem verwüsteten Planeten. „Hey-ya, hey-ya, hey“, singen ihre Tänzer dazu. Und Lady Gaga intoniert, dass alles, was sie jemals wollte, nur Liebe gewesen sei. 

„Stupid Love“ von Popstar Lady Gaga.

Video: YouTube/Lady Gaga

In einem Interview mit Apple Music sagte sie, dass jener Planet „Chromatica“ heiße, der Titel des neuen Albums. Für sie ist es ein idyllischer Ort, an dem „alle Farben“ und „alle Menschen“ wohnen. Das passt zum Album, und doch ist es nicht so vielschichtig, wie sie vorgibt.

Die meisten Tracks lehnen sich an „Stupid Love“ an. „Alice“ spiegelt etwa die Art von Pop-Dance-Musik wieder, die um die Jahrhundertwende herauskam – Disco-Tracks, die auf House-Musik basieren. Dazu der hübsche Refrain: „My name isn’t Alice / But I’ll keep looking for Wonderland“ (Ich heiße nicht Alice, aber ich halte Ausschau nach dem Wunderland). Der Verweis auf Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn sie hier über ihr letztes Beziehungsende singt.

„Free Woman“ ist hingegen etwas fröhlicher und erinnert an die frühen 2000er-Stücke von Jennifer Lopez. Kennen Sie noch „Waiting for Tonight“? Gaga macht jedoch ziemlich schnell klar: „This is my dance floor I fought for“ (Das ist die Tanzfläche, um die ich gekämpft habe).

Elton John, Ariana Grande und Blackpink singen mit Gaga

In einem „Heute journal“-Interview sagte sie, dass sie hart kämpfen musste, um hinzukommen, wo sie heute ist. Und es sei schwer gewesen, weil Männer Gagas Musik anderen Frauen weitergeben wollten, weil diese besser als die Lady aussahen. Und auch, weil sie an Depressionen leide. Sie sei nie ganz glücklich und nicht sicher, ob das was sie tut, gut genug sei. „Aber ich versuche es.“

Diese schonungslose Offenheit im Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit als Form der Identitätspolitik ist neu bei Lady Gaga. Mehr Gesicht als jetzt war von der Maskenkünstlerin mit Pokerface bislang jedenfalls nicht zu sehen. Mit „Chromatica“ wolle sie nun all den Schmerz  wegtanzen. Und sie hat prominente Unterstützung gefunden: Pop-Genie Max Martin und EDM-Star Skrillex sind als Produzenten gelistet. Schauspielerin und Sängerin Ariana Grande begleitet sie in dem Up-tempo-Song „Rain On Me“, für den die beiden zuletzt beim TV-Sender The Weather Channel warben. Und beim House-Song „Sour Candy“ singt die südkoreanische K-Pop-Girlband Blackpink, während Gaga auch mal rappt.

Lady Gaga und Ariana Grande bei The Weather Channel.

Video: YouTube/Lady Gaga

Der Gastauftritt von Elton John hat jedoch Irritationen ausgelöst. „Warum klingt er so?“ Er habe in seiner gesamten Karriere noch nie so geklungen, stellen auch die Kritiker vom australischen Magazin The Junkee fest. Auf einem dröhnenden EDM-Beat, der sich gegen Ende mit zu viel Drum and Bass schmückt, singen Lady Gaga und Elton John mit so viel Pathos, als hätten sie sich zum Eurovision Song Contest verirrt. Und Johns Stimme klingt angeschlagener, als sie es bei Gagas Benefizevent „One World: Together At Home“ noch war. Und obwohl dieses Lied mit so viel Wumms endet, dass es ein perfektes Finale gewesen wäre, hat sich Lady Gaga für einen anderen Schluss entschieden.

In „Babylon“ tritt sie noch einmal wie die große Madonna auf – deren Klassiker „Vogue“ anzuklingen scheint. Aber auf solch eine profane Weise muss sie sich schon lange nicht mehr messen lassen. In dem Pop-Universum, in dem Lady Gaga zu Hause ist, ist sie mittlerweile die Sonne, um die viele andere nur kreisen. 

Lady Gaga – „Chromatica“ (Universal Music/Interscope Records)