Kamasi Washington während eines Konzerts.
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Die Empörung kommt auf zarten Sohlen: Ein sacht federnder HipHop-Beat, ein voller, dicker Bass, eine Schleife aus heller Gitarre und sommerlichem Soul-Chor, dazu sonnige Bläser und eine schmeichelnde Stimme, die singt: „They told me to put my hands behind my head, I think they got the wrong one, I’m sick and tired of running.“ Diese Black Experience wird in dem Song „Freeze Tag“ auf die kurze Begegnung mit der Ordnungsmacht zusammengezurrt. Eine Chiffre, die so sicher sitzt wie die Erlösungsfantasien des Gospels – oder die Heimatlosigkeit des Blues. 

Vor zwei Wochen ist der Song als Vorbote des Debütalbums „Dinner Party“ von der neuen Band Dinner Party erschienen und brachte sogleich einen luftigen R&B mit Sommerhit-Flair. Hinter dem unscheinbaren Bandnamen verbirgen sich indes Terrace Martin, Robert Glasper, Kamasi Washington und 9th Wonder, die nun eine amtliche Supergroup sind. Auf den ersten Blick mag sich das vor allem auf den Jazz beziehen, in dem die Musiker bis auf 9th Wonder nominell zu Hause sind.

9th Wonder alias Patrick Denard Douthit fiel 2003 erstmals als Produzent für Nas und Jay-Z auf, zuletzt war er 2017 mit Kendrick Lamars „Damn“ Grammy-nominiert, und im Nebenberuf lehrt er als HipHop-Professor in Harvard. Die drei Jazzer wiederum haben jeweils für sich den Jazz nachhaltig wieder an die Popmoderne angeschlossen – und dabei sind sie für Genreverhältnisse mit ihrem Alter um die vierzig recht jung. Sie haben gezeigt, dass die stets behauptete Kontinuität afroamerikanischer Musik von Jazz zu HipHop sich nicht in fluffigen Samples erschöpft, die auf HipHop-Beats wie Cappuccino-Schaum liegen.

Terrace Martin war an Kendrick Lamars Album „To Pimp a Butterfly“ beteiligt

Der Pianist Glasper wurde schon 2012 für die elegante Mischung aus Torchsong-Tradition und Neo-Soul mit einem Grammy für die erste seiner beiden „Black Radio“-Sessions belohnt. Kamasi Washington zeichnet mit der Mischung aus Spiritual Jazz, HipHop und Soul des in jeder Beziehung epischen Albums „The Epic“ von 2015 praktisch allein für die aktuelle Wiederbelebung von Jazz als Pop in den USA verantwortlich. Der Saxofonist Terrace Martin wiederum, im L.A.-Kreis um Washington zu Hause, unterstrich dies gleichsam von der anderen Seite her: Auf Kendrick Lamars Meisterwerk „To Pimp a Butterfly“ hat er nicht nur knapp die Hälfte der Tracks coproduziert, er  hat mit Washington auch die wilden Arrangements des Albums gestaltet – und Robert Glasper als Keyboarder dazu geholt.

In „Dinner Party“ steckt also viel popkulturelles Gewicht. Aber weil die vier Musiker sich, so Terrace Martin, „ganz entspannt bei Bio-Essen und jeder Menge Gras“ zusammenfanden, weil also keiner irgendwas beweisen musste, klingt das nur 25 Minuten kurze Album ganz wunderbar leicht: Es sind jazzig gelöste Grooves, aus denen Glaspers Keyboards hell schimmern und über denen Washingtons Saxofon mit feinstem Understatement schwebt. Viermal haben sie sich zudem das schmelzende Falsett des Chicagoer Sängers Phoelix dazugeholt. In dem Lied „Freeze Tag“ macht er etwa klar, dass sich Herz und Seele dieser Musik aus einer belasteten Geschichte erheben. Und in dem Stück „Sleepless Nights“ singt er dazu auch passend: „We’ve been down for so long, I know change been on the way.“ 

Es sei, als verabreiche man bittere Medizin in süßem Apfelmus, sagte Terrace Martin dem Magazin The Fader über die Musik von Dinner Party und behält damit recht. „Wir leben in dieser völlig kaputten Welt – und wir schaffen seit ewig aus diesem Nichts Schönheit.“ 

Dinner Party – „Dinner Party“ (Sounds of Crenshaw/Empire)