Neues Album „Rebel Heart“: Hört euch jetzt Madonna an!

So. Machen wir uns heute und an dieser Stelle ausnahmsweise einmal die Mühe, über Musik zu reden und nicht über das zugestandenermaßen gelegentlich ermüdende Provokationsgewese und Promotionsbrimborium drumherum und auch nicht über rückwärtiges Showtreppengepurzel oder aus den Schründen des Internet herausquäkende Vorabdateien in reduzierter Klangqualität. Und auch über die miteinander verschwisterten Fragen, ob eine Frau im biblischen Alter von 56 überhaupt noch die Fähigkeit und die Berechtigung dazu besitzt, zeitgenössisch klingen wollende Popmusik zu komponieren, und ob man das von ihr nunmehr zur Gänze der Öffentlichkeit vorgelegte Werk eventuell anders aufnähme, wenn es sich bei dieser Frau um einen Mann handelte, möchte ich an dieser Stelle ein Debattier- und Rumquatschmoratorium verhängen.

Oder anders gesagt: Alle, die vorher schon wussten, dass es sich bei dem neuen Album von Madonna nur um müf- felnden Altweiberpop handeln kann und die dann die aus diesem Album im Netz und sonstwo kursierenden Krümel auf Beweise für jene Behauptung durchkämmten und ihre Erkenntnisse auf die vermutete Gesamtheit missgelaunt extrapolierten, halten bitte einfach mal für 75 Minuten die Klappe und hören sich das Album, das es jetzt erstmals zur Gänze zu hören gibt, auch zur Gänze an. Ist das wirklich nur olles Zeug?

Ego-Hymnen, Autotune-Pop

Nein. „Rebel Heart“ ist nicht nur die tollste, frischeste und inspirierteste Platte, die Madonna seit ewiger Zeit vorgelegt hat – sagen wir einmal: seit „Ray of Light“ –; es ist auch ein Werk, das in der erstaunlichsten Kohärenz aktuelle avantgardistische und zum Mainstream gehörige Produktionstechniken, Klänge, Dramaturgien und Beats miteinander versammelt und diese einerseits zu einem Panoramagemälde des Pop der letzten fünf Jahre verpinselt sowie andererseits zwanglos, aber doch souverän zu einem Gesamtkonzept verdichtet, in dem es zunächst und zuletzt immer um eines geht: um die Künstlerin selbst, um ihr Ego, ihre Geschichte, ihren Behauptungswillen, ihre Zickigkeit, Zartheit, Verletzlichkeit, um ihre durch nichts anderes zu ersetzende Stimme.

Auf „Rebel Heart“ singt Madonna die schönsten und euphorischsten Ego-Hymnen, die man sich vorstellen kann („Ghosttown“, „HeartBreakCity“), aber sie stürzt sich auch ebenso tapfer wie rückhaltlos in die vollständig ent-individualisierenden Welten des Autotune-Pop („Illuminati“; „Bitch I’m Madonna“) und des in widerstreitenden Tempi zugleich in die Zukunft voranstolpernden Trap („Living for Love“ und insbesondere „Iconic“).

Vielleicht könnte man sagen: Madonna ist auf dieser Platte gerade deswegen so nah bei sich selbst, weil sie sich ganz souverän einigen der klanglich dominantesten Produzenten der Gegenwart überlässt – und aus selbigen wiederum weit mehr herauszukitzeln vermag als die von solchen dominanten Produzenten sonst hinzugemietete subdominante Gastvokalistin. So hat sie neben Kanye West („Illuminati“), Avicii („Devil Pray“ und Ariel Rechtshaid zum zweiten Mal nach „MDNA“ den zum Hau-drauf-und-Schluss-Gebolze neigenden Bassmusikmeister Diplo engagiert und unter seinem zuletzt immer lästiger werdenden Spring-Breakers-Maskulinismus (man höre das Mixtape „Jack Ü“, das er in dieser Woche gemeinsam mit Skrillex herausgebracht hat) wieder sein längst schon verschüttet geglaubtes melodisches und sonisches Talent freigelegt.

Man höre, wie Diplo in den entspannten Dub Reggae von „Unapologetic Bitch“ schön alberne Vuvuzelasequenzen hineintröten lässt; oder wie er in „Living For Love“ ein weiches Deep-House-Arrangement mit metallen-mäkelnden Störgeräuschen kontrastiert. Am besten ist Diplo aber „Bitch I’m Madonna“ gelungen, das Duett mit der Rapperin Nicki Minaj: Von den Stimmen der beiden Sängerinnen ist hier nämlich kaum etwas übrig geblieben, so heiter und hektisch drehen er und sein Ko-Produzent Sophie sie durch den Autotune-Wolf.

Sophie ist übrigens ein Mann, kommt aus London und hat 2014 einige der erstaunlichsten und meist diskutierten Underground-Club-Tracks herausgebracht. Mit ihm bringt Madonna – was sie oft versprach, aber selten einlöste – tatsächlich noch einmal eine radikale, von der Allgemeinheit bislang nicht entdeckte Pop-Avantgarde in ihre Musik. Und eine derart ausdefinierte und dominante Pop-Avantgarde überdies, dass sie sich selbst eine so souveräne Subjektivität wie jene Madonnas mühelos zu unterwerfen vermag.

Sophies dick überzuckerter Post-Internet-Pop überwindet die Ödnis der kapitalistischen Massenkultur mit den Mitteln der kapitalistischen Massenkultur so wie Madonna in ihren subversivsten Momenten in den Achtzigerjahren; nur dass Sophie diese ästhetische Strategie unter den Bedingungen der vollständig globalisierten und digitalisierten Popkultur des Jahres 2015 wiederholt und Madonna unter seiner Ägide wie eine südkoreanische Mickey Mouse auf MDMA klingt. Derart albern verquietscht wirkt ihre Stimme nach all dem Modulieren und Filtern, als sei eine Frischzellenkur in der Infantilisierung geendet. Was bleibt hier also von ihr?

Veni Vidi Vici

Was bleibt, ist gerade die Frage, was von einem „selbst“ bleibt, wenn man sich Jahrzehnte lang unaufhörlich selbst neu erfand und von anderen erfinden ließ. „Veni Vidi Vici“ heißt ein Sprechgesang, den Madonna kurz vor Schluss des Albums im Duett mit Nas intoniert; darin wandert sie noch einmal zurück zum Beginn ihrer Karriere in der Lower East Side der frühen Achtzigerjahre und sinniert über den Weg, den sie seither zurückgelegt hat. Das Stück folgt den Konventionen des Konfessions-Rap (sagen wir mal: „Started from the Bottom“ von Drake) und zeigt zugleich, was sich in diesem Genre für Geschichten erzählen lassen, wenn man denn eben welche zu erzählen hat.

So ist „Rebel Heart“ ein sehr persönliches Album – aber nicht in jenem abgehalfterten Sinne des Wortes, den alternde Popstars benutzen, die Reife allein durch Ego-Hymnen und „Authentizität“ beglaubigen wollen. Immer noch und auch im Herbst ihrer Karriere hält Madonna an der einmal von ihr errungenen Einsicht fest, dass wahre Persönlichkeit im Pop sich nur in der Aneignung, Verfremdung, Spiegelung und Verzerrung entpersonalisierter Schemata und Konventionen ergibt, und dass man nur dann, wenn man den aktuell fortgeschrittensten Zustand dieser Schemata und ihrer Verfremd- und Verwendbarkeit vital durchdringt, sich vor jenem Regress in den müffelnden Altmenschenpop bewahrt, der so viele Superstars im biblischen Alter von 56 ereilt; ich möchte mal sagen: eigentlich alle. Außer Madonna.