Es wäre vermessen, von einem neuen Element-of-Crime-Album Neues zu erwarten. „Lieblingsfarben und Tiere“ heißt das nunmehr 13. Werk der Berliner, aber es handelt selbstverständlich von keinem dieser beiden Themen, sondern erzählt wieder einmal vom normalen Donquichotismus des Alltags, vom Gelingen, Scheitern und Weitermachen der Liebe und solcher Dinge und davon, wie die Zeit darüber vergeht.

„Es gibt zehn neue Lieder, und zwar von Element of Crime. Und genau so klingt das“, sagt Sänger und Songwriter Sven Regener beim Interview in einem Kreuzberger Restaurant, wo er mit dem Gitarristen Jakob Ilja beim Mineralwasser sitzt. „Ich will gar nicht mehr, als dass sie echt okay sind und Spaß machen, dass sie mir einen schönen Grund geben, auf die Bühne zu gehen oder zu singen. Man kann die Unterschiede sehen oder die Gemeinsamkeiten. Ich glaube nicht, dass man diese Platte durch eine andere von uns ersetzen kann.“

Wenn man aber zum Beispiel in seinem Plattenschrank nur ein Album mit dem markengeschärften Element-of-Crime-Sound aus Folk-, Country- und Chanson-Rock haben möchte, dann könnte man genauso gut (oder vielleicht noch besser) dieses nehmen wie irgendein anderes. Andererseits sind, wie Regener auf einem Titel singt, „Wiederholungen besser als du denkst“. Wohl auch deswegen hat die Band in den demnächst dreißig Jahren ihres Bestehens mit jeder Veröffentlichung neue Hörer dazugewonnen. Gegen den Branchentrend haben Element of Crime von den letzten beiden Alben jeweils über 100.000 Stück verkauft, und auch die Touren sind stets ausgebucht.

Sie lassen sich allerdings auch immer mehr Zeit für ihre Produktionen. Das letzte Album liegt fünf Jahre zurück. Einerseits weil es auch ein Leben neben der Band gibt, für Regener zum Beispiel als Schriftsteller, für Ilja als Filmmusiker. Andererseits gehen sie mittlerweile die Studioarbeit so gelassen an, wie die Musik dann auch klingt. Statt das Album kompakt einzuspielen, nehmen sie lieber einzelne Lieder in längeren Abständen auf. „Man kann so auch besser überprüfen, ob sie noch funktionieren und mithalten“, sagt Ilja. Regener ergänzt: „Wir bilden schon im Übungsraum ästhetische Vorstellungen. Daher muss man im Studio nicht mehr experimentieren, was ich keinen Nachteil finde. Bei uns ist nicht unbedingt der Weg das Ziel.“

Der Weg zu den Songs führt allerdings nach wie vor über Regeners Texte mit ihrem poetischen Understatement, in dem gern große Gefühle an- und kurz vor der Sentimentalität heruntergespielt werden. Zudem kann er selbst sperrige Wörter wie Schwachstromsignalübertragungsweg zum Klingen bringen, aber auch Unerwartetes wie Handy, Email oder Exceldokumente in einem flauschigen Lied unterbringen. „Wir haben sowas ja nie bewusst vermieden. Aber solche Wörter poesiefähig zu machen, das ist die Herausforderung.

Raubürstig rockig und souverän spätdylanesk

Und wenn es sich wie hier aus dem Kontext ergibt, darf man auch nicht feige sein.“ Mutig kann man sich dann auch mal einen Filmtitel von Fassbinder klauen, ein Novum, „abgesehen vom Bandnamen vielleicht“, geben die beiden lachend zu bedenken. „Als Songtitel ist ,Liebe ist kälter als der Tod‘ schon dreist. Aber er ist doch toll: Man wird sofort neugierig – was, so kalt? Dass Sachen vorkommen, die man nicht unbedingt erwartet, war ja schon immer so. Das hat oft auch etwas Brechtisches – glotz nicht so romantisch. Dem Kitsch von der Schippe springen, mit Mitteln, die da nicht mehr passen: Das Bild hängt schief.“

Vergleichbar zeigt sich auch ihr musikalisches Spektrum zwar recht klar umrissen, aber innerhalb dieser Grenzen höchst beweglich. Sie haben, sagt Ilja, „insgesamt sparsamer instrumentiert und dann beim Mix in Nashville noch ausgedünnt“, weshalb nun ein einsames Barsaxophon oder Regeners New-Orleans-Trompete am Schluss sehr effektvoll wirken.

Dave Youngs Bass legt lässig seine Spur, Richard Pappiks Drums schlurfen wie gewohnt exquisit unter den Liedern, weshalb schicker kleiner Zierrat wie ein prominent bumpernder Countrybass, ein laut zischendes Becken, ein leiser Bläsersatz oder eine dunkle Klavieroktave umso mehr akzentuieren. Jakob Iljas großartige Gitarre wirkt diesmal etwas vordergründiger, mit feinen Slide-Maßnahmen, vielen hübschen Solo-Ornamenten oder einer quakenden Wahwah-Unterlage, die man bei Element of Crime so noch nicht gehört zu haben glaubt.

„Ich habe mich schon mit ein paar anderen Effekten und Verstärkersettings beschäftigt“, sagt Ilja. „Aber letztlich kreist man auch um das, was man kann und mag und kommt immer wieder auf bestimmte Aspekte zurück.“

Tatsächlich erkennt man innerhalb der bekannten Umgebung, wie beiläufig elegant sich der rumpelnde Fluss des Albums aus einer umsichtigen, rhythmischen und dynamischen Vielschichtigkeit ergibt; und wie fein die Temperaturschwankungen inszeniert sind, die zwischen raubürstig rockigen Nummern wie dem Fassbindertitel und dem Sixties-Schaukeln des Titelsongs liegen, zwischen dem souverän spätdylanesken, tiefergelegten Grantler „Dunkle Wolken“ und dem zärtlichen Schlaflied „Dieselben Sterne“. Am Ende hat man daher ein sehr schönes, abwechslungsreiches Element-of-Crime-Album. Und also wieder nichts Neues.