Haley Fohr alias Jackie Lynn.
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinZwei Tage vor der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika trat die in Chicago ansässige Musikerin Haley Fohr unter dem Namen Jackie Lynn in der Kantine am Berghain auf und präsentierte als Cowgirl-Silhouette hinter vorgespanntem Laken eine Meditation über Schattendasein, Marginalisierung und amerikanische Alpträume.

Dabei griff sie die angespannte Vor-Wahl-Atmosphäre stimmungsvoll auf, indem sie eine Art   elektronisches Pulsieren mit Country-Musik mischte, das dank Fohrs Stimme in eine geschlechtslose Gothic-Tiefe überführt wurde. Die Kunstfigur Jackie Lynn, die sich laut Fohrs Erzählung in einen Mann verliebte, mit dem sie dann in Chicagos berüchtigter Southside Kokain dealte und dann spurlos verschwand, schien zunächst eine Eintagsfliege gewesen zu sein.

Haley Fohr kehrte bald unter ihrem anderen Aliasnamen Circuit Des Yeux zurück. Auch unter diesem Namen waren ihre Konzerte nichts für schlechte Nerven: Wir erinnern uns an in Tränen aufgelöste Berliner Zuhörer. Nun ist mit „Jacqueline“ ein zweites Jackie-Lynn-Album erschienen. Dreieinhalb Jahre scheint sich Lynn nun als Truckerin verdingt zu haben. In neun Stücken aus der Welt analog-elektronischer Popmusik sowie klassischer Americana-Rockexkursionen singt sich Fohr alias Lynn durch Beobachtungen des postindustriellen US-Hinterlands.

Dabei verarbeitet sie Verhaltensregeln für den einsamen Highway ebenso wie eine Liebeserklärung an eine provinzielle „Casino Queen“, mit der das Album zu Giorgio-Moroder-haftem Discoklang eröffnet wird. Das zweite Lied „Shugar Water“ hingegen ist er eine Art Erwachsenen-Rock-Persiflage, während später, im ausgedehnt flirrenden „Odessa“, dem vielleicht besten Stück des Albums, so etwas wie beunruhigende Ambient-Musik entsteht. Trotz detaillierter Sound-Ausarbeitung macht sich in einigen Stücken eine der Kunstfigur Jackie Lynn angemessene Flüchtigkeit bemerkbar, in der sie sich auf einem endlosen Road-Trip zu befinden scheint.

Fohr und ihre Begleitmusiker erarbeiteten den Großteil dieses Albums, während sie auf Tournee waren. Auch wird kein Studiowerk dieser außergewöhnlichen Künstlerin je an die ungeheure Intensität ihrer Live-Performance heranreichen – hoffen wir, dass die Konzerte zu „Jacqueline“ dereinst nachgeholt werden. In der Zwischenzeit empfehle ich, nachts vom Balkon auf die leeren Straßen dieser Stadt zu blicken und dieses Album zu hören – seine so klar geäußerte Diffusität passt in diese Zeit, in der wir uns selber oft noch weniger erkennen als zuvor. Jackie Lynn hat das Talent, zu besonders traumatischen Zeitpunkten in Erscheinung zu treten.