Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink auf dem Festival Phil.Cologne Mitte September.
Foto: imago images/Horst Galuschka

Bekannt geworden ist Bernhard Schlink als Jurist, berühmt als Schriftsteller. Seit dem „Vorleser“ sind alle seine Bücher auf die Bestsellerlisten gekommen, wie auch der neue Geschichtenband, in dem Menschen auf ganz verschiedene Weise Abschied nehmen: von der Jugend, von einer Liebe, von Angehörigen, von einem Schmerz, von einer Hoffnung. Die Stimmung ist manchmal heiter, manchmal entschlossen, zuweilen melancholisch. Damit begann unser Gespräch.

Berliner Zeitung: Herr Schlink, viele Geschichten Ihres neuen Buches beschäftigen sich mit dem Älterwerden. Sie selbst sind jetzt Mitte 70. Ist es manchmal schmerzlich, aus der Perspektive eines älteren Menschen zu schreiben?

Bernhard Schlink: Nein. Ich empfinde das Älterwerden nicht als schmerzlich. Ich möchte nicht noch einmal jung sein. Das hat alles seine Richtigkeit: dass man jung war, älter wird und schließlich alt ist. Das Alter gibt eine Gelassenheit, die ich früher nicht hatte. Es gibt auch die Kraft, mich nicht mehr auf Überflüssiges und Ärgerliches einzulassen, wozu ich früher bereiter war. An manchem freue ich mich intensiver, weil ich weiß, ich habe es nicht mehr für die Ewigkeit, die man als junger Mensch vor sich sieht: an den Jahreszeiten, an Orten und Landschaften, an Musik, am Wiederlesen von Büchern.

Ich finde interessant am Personenspektrum Ihrer Geschichten, dass ich mich in Äußerungen, Gesten oder Entscheidungen wiedererkenne, obwohl keiner der Lebenswege meinem entspricht. Wie machen Sie das, liegt das an der Sprache?

Ich will, dass die Leser meiner Geschichten sich nicht durch eine aufwendige, schwierige Sprache zu dem durcharbeiten müssen, worum es eigentlich geht. Sie sollen sofort bei den Personen, bei der Geschichte, bei der Sache sein.

Der Autor und sein Buch

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Sein 1995 erschienener Roman „Der Vorleser“ wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Weitere Romane: „Olga“, „Die Frau auf der Treppe“, „Das Wochenende“ u.a.

Die Geschichten in „Abschiedsfarben“ drehen sich um Gefühle, die erst erwachen und über Liebe, die längt erkaltet ist, auch um Herzensbindungen, die bleiben. Schlink erzählt von dem Band zwischen Freunden, an die Eltern, Geschwister – über Beziehungen, die man vergessen hatte zu hinterfragen. 
Diogenes, Zürich 2020. 240 S., 24 Euro.

Lesung Mo, 12.10.2020, 20 Uhr, Berliner Ensemble

Ihr letzter Erzählungsband erschien vor zehn Jahren, dazwischen gab es zwei Romane. Wie fällt Ihre Entscheidung für die lange oder die kurze Form?

Mir kommen im Lauf der Jahre Geschichten in den Sinn. Ich sammele sie. Wenn ich merke, dass sich hinreichend viele unter einem lockeren Thema fügen – diesmal ist es das Thema des Abschieds –, mache ich mich daran, sie zu schreiben. Manchmal passiert es, dass eine Idee für einen Roman sich zu einer Idee für eine Geschichte wandelt. Warum das passiert, kann ich nicht sagen. Die Wandlung  fühlt sich einfach richtig an.

Inwieweit liegen denn die Geschichten vor, wenn Sie so einen Band planen?

Es sind Ideen, Notizen, manchmal eine halbe Seite Text.

Und dann schreiben Sie?

Ja, eine nach der anderen.

Brauchen Sie Abstand dazwischen?

Nein. Und während ich die eine Geschichte schreibe, guckt die andere manchmal schon um die Ecke.

Dieses Kompositionsprinzip löst für mich ein Rätsel: In meinem Kopf waren nach dem Lesen Figuren und Szenen miteinander verbunden. Das Buch hat sich als Ganzes abgelagert, als wäre es ein Roman.

Das freut mich, so hatte ich es erhofft.

Zwar taucht das übergreifende Thema „Abschied“ schon im Titel auf, gemeinsam ist den Geschichten auch die Frage nach einer Schuld. Warum verknüpfen Sie das?

Im Rückblick ist man sensibler für die Schuld, die man im Moment überspielt oder verdrängt hat. Nach Abschieden fragt man sich: Was hatten wir miteinander, warum war es so schön oder tat so weh, warum tat es gut, warum hat es nicht geklappt? Warum ist er, ist sie mit mir so umgesprungen? Und was habe ich dem anderen zugemutet und zugefügt? Es gibt Situationen, in denen wir besonders ehrlich darauf schauen, wer wir sind und was wir machen und gemacht haben, und Abschiede gehören dazu.

Das kann das Alter, können Abschiede sein, manchmal gehört einfach Abstand dazu. Die eine Figur ist wie Sie für einige Jahre in die USA gegangen. Hat sich Ihr Verhältnis zu Deutschland auch damit geklärt, dass Sie selbst über lange Zeit aus den USA auf die hiesigen Verhältnisse gucken?

Ich weiß nicht. Der Blick auf Deutschland von außen begleitet mich von früh an, vielleicht weil meine Mutter Schweizerin war und ich die Ferien meiner Kindheit und Jugend bei meiner Schweizer Tante und meinen Schweizer Großeltern verbracht habe. Und haben wir, die ersten Generationen nach dem Krieg, nicht alle erst im Ausland wirklich gemerkt, dass wir Deutsche sind? Ob in Frankreich oder Holland oder Polen oder Amerika, ob als Besucher oder als Studenten – wir wurden auf die deutsche Vergangenheit und damit auf unsere deutsche Identität angesprochen und waren für die anderen nicht die Europäer, als die wir uns vielleicht fühlten, sondern Deutsche.

Die Reichsbürger sind wenige Spinner. Die Medien sollten sie nicht bedeutender machen, und wir sollten sie nicht ernster nehmen, als sie sind.

Bernhard Schlink

Deutschland verändert sich gerade. Auffällig sind die Reichsflaggen bei Demonstrationen, als wären sie ein friedliches Symbol. Beunruhigt Sie das?

Die Reichsbürger sind wenige Spinner. Es gibt eine kriminelle Tendenz bei ihnen, der Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte entgegengetreten müssen. Aber die Medien sollten sie nicht bedeutender machen, und wir sollten sie nicht ernster nehmen, als sie sind.

Es sind allerdings nicht nur die Reichsbürger, die diese Fahne schwenken, sondern auch Leute, die glauben, sie könnte ein besseres Deutschland repräsentieren. Sind die Menschen wieder anfälliger für Fahnenträger?

Wir leben in einer Zeit, in der Identitäten und identitäre Abgrenzungen gesucht und gelebt werden, von vielen und in vielen Kontexten. Was wir in nationaler Hinsicht beobachten können, ist Teil dieses Zeit-Phänomens. Ich hoffe, dass die Menschen wieder den Reichtum einer Gesellschaft erkennen, die nicht identitär parzelliert ist, und zu ihr zurückfinden.

Dazu kommt durch den schnellen Umschlag an Information im Internet, dass sich auch Meinungen und Urteile deutlicher verbreiten. Was sagen Sie zur sogenannten Cancel Culture, die Positionen ausschließt?

Die Freude am Moralisieren, die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit, das moralische Auftrumpfen – ich weiß nicht, wie es aus unserer Gesellschaft wieder rauszukriegen ist. Es tut uns nicht gut. Aber es ist billig, erlaubt das Urteil über komplexe gesellschaftliche und politische  Zusammenhänge, die zu durchdringen schwierig und mühsam wäre, und erledigt Positionen und Menschen, denen man argumentativ vielleicht nicht gewachsen wäre.

Geht es in diesem Zusammenhang nicht auch um Schuld?

Im Moralisieren wird Schuld zugewiesen. Oft wird dabei über Vergangenheiten geredet, in denen unzweifelhaft Unrecht begangen wurde, aber das Moralisieren zielt weniger auf die Vergangenheiten als auf die Gegenwart und auf die, die meinen, über die Vergangenheiten gebe es mehr zu wissen, sie seien mit dem Moralisieren nicht erledigt, und die nicht in den moralisch anklagenden und verurteilenden Chor einstimmen. Moralisieren ist leichter als Erklären und Verstehen, anderen Schuld zuweisen leichter als eigene Schuld einsehen, Selbstgerechtigkeit leichter als Selbstreflexion.

Das ist vermutlich die größte Hürde, zu erkennen, wann man selbstgerecht auftritt.

Die Einsicht in eigene Schuld führt eigentlich zu Demut. In unserer Gesellschaft wird lieber angeklagt und verurteilt, als Demut gezeigt.

Kann man Demut lernen durch Literatur?

Literatur hilft. Man lernt durch das Lesen andere kennen und mit den anderen immer auch ein bisschen sich selbst.

Haben Sie eine Idee, wie man die Diskussionskultur wieder öffnen kann?

Man kann nur verweigern, sie mitzumachen.

Sie meinen, aus der Cancel Culture auszusteigen?

Unlängst haben 150 prominente Schriftsteller und Intellektuelle sich in einem offenen Brief gegen Intoleranz in der Gesellschaft, gegen politische Korrektheit gewandt. Das war schön. Aber stärker wirkte, dass die „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling sich politischer Korrektheit verweigerte und für Menschen, die menstruieren, die Bezeichnung als Frauen passend und für Transsexuelle die Bezeichnung als Transsexuelle hinreichend fand. Für eine Veränderung der gesellschaftlichen Diskussionskultur ist wirkungsvoller als Unterschriften unter offenen Briefen die Position, die man in den gesellschaftlichen Diskussionen behauptet.

Dann können wir gleich noch zum Streit um die gendergerechte Sprache kommen. Man kann sehr schnell in der Schublade der Alten und Ewiggestrigen landen, wenn man sein Unbehagen am Sternchen in Begriffen äußert. Plädieren Sie da auch für eine Verweigerung?

Ich habe es immer so gehalten: Wie ich bei einem Vortrag Frauen und Männer nebeneinander anspreche, gibt es auch beim Schreiben Situationen, in denen, dass beide gemeint sind, dadurch auszudrücken wichtig ist, dass ich die männliche und die weibliche Form nebeneinander benutze. So werde ich es auch weiter halten.

In einigen der neuen Geschichten wirken auf mich die Frauen den Männern überlegen.

Schon bei „Olga“ wurde mir gesagt, ich sei ein Feminist, und wenn „Olga“ mich als Feministen ausweist, soll’s mir recht sein. Aber ohne dass ich es wagen würde, mich mit ihnen zu vergleichen: Bei Fontane wie auch bei Keller und auch bei Tolstoi sind die Frauen stärker als die Männer. Das ist in der Literatur nichts Ungewöhnliches – und auch in der Wirklichkeit.

Ist es beim Schreiben manchmal klüger, Frauen bestimmte Ansichten zuzuschreiben, damit man nicht glaubt, es seien Ihre eigenen, wie es bei männlichen Protagonisten eher passiert?

So überlege ich nicht. Die Geschichten kommen, wie sie kommen.

Sie werden nun Ihre Buchpremiere im Berliner Ensemble vor Publikum haben, eine der ersten Lesungen nach langer Zeit. Mussten Sie während der Pandemie auch Einschränkungen hinnehmen?

Wie wir alle. Aber die Einschränkungen haben mich, der ich keine Kinder zu versorgen und kein Geschäft zu führen habe, nicht schwer getroffen. Die Zeit, die ich gewonnen habe, weil es manche Verabredung nicht gab und ich manches Konzert nicht besuchen und manchen Film nicht im Kino sehen konnte, habe ich zum Lesen und Schreiben genutzt. Ich konnte, anders als sonst, nicht einen Teil des Sommers in Amerika verbringen. Aber hier in Berlin war der Sommer gut zu ertragen, weil das Leben sich weitgehend draußen abspielte. Das wird im Herbst und Winter anders sein, das Leben wird schwieriger werden, der Unmut wird wachsen. Ich sehe dem mit Sorge entgegen.

Die auffälligsten Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie passieren in den USA und in Deutschland. Sind unsere Staaten ähnlicher, als wir denken?

Demonstrationen wie bei uns gab es auch anderswo, es wurde von dort nur weniger berichtet. In den USA gingen die Proteste über Demonstrationen weit hinaus. Gegner der Maßnahmen sind bewaffnet und bedrohlich aufgetreten und in die Parlamente eingedrungen. In Amerika ist die Aussicht, die Arbeit zu verlieren, im Vergleich zur Aussicht, krank zu werden, unvergleichlich viel schlimmer als bei uns. Wer dort den Job verliert, kann oft die Hypothek nicht mehr zahlen, muss aus dem Haus und findet sich im eigenen Auto oder auf der Straße wieder. In Amerika leben viele in einer Weise am sozialen Abgrund, wie wir es nicht kennen. Bei uns fällt man nicht ins Bodenlose.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.