Bildung soll begeistern.
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Berlin - In der New York Times schrieb jüngst eine Mutter darüber, dass sie sich weigere, ihren Kinder in diesen Tagen Ersatzunterricht zukommen zu lassen. Kein Stillsitzen, kein Stundenplan, keine Stochastik und keine Schreibaufgaben. Stattdessen dürften ihr Sohn und ihre Tochter Serien streamen, Videospiele spielen und Süßigkeiten essen. Anders wäre die Corona-Krise nicht auszuhalten.  

„Bildung. Eine Anleitung“ heißt das neue Buch des Hamburger Journalisten Jan Roß, der weiß, dass das auf den ersten Blick kein guter Titel ist. Bildung klinge streberhaft, „nach ehrgeizigen Eltern, die angestrengt die perfekte Schule für ihr Kind suchen“. Oder so bürokratisch wie eine Kultusministerkonferenz, altmodisch oder elitär. Er wolle nicht Bildungspolitiker spielen, kein Didaktikexperte sein, und auch nicht aufzählen, „welche Bücher man gelesen haben muss, um auf jeder Party mitreden zu können“.

Tatsächlich müsste das Werk im Untertitel schlicht „Eine Begeisterung“ heißen, denn Roß öffnet mit seinem Streifzug durch Philosophie und Literatur, Politik und Geschichte, Musik und Kunst schwungvoll die Türen. Die dünkelhafte bis reaktionäre Attitüde, die mit dem Bildungsbegriff so oft wie ungut einhergehe, sei falsch. Bildung bedeute vielmehr „Großzügigkeit, nicht Abschottung, sondern Neugier: auf vergangene Zeiten und ferne Länder, auf geistige Abenteuer, auf die Geschichte außerordentlicher Frauen und Männer“. Der eigentliche Widerpart des gebildeten Menschen sei nicht der Barbar: „Es ist der Spießer, der alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“

Roß mischt in seine thematischen Kapitel – so pointierte wie elegant erzählte Einführungen, etwa zu Platon und Virginia Woolf, der Bibel, den Bildhauern Lorenzo Ghiberti und Rainer Fetting, das politische Denken Rosa Luxemburgs und John Stuart Mills – immer wieder prägnante Bemerkungen ein, mit denen er en passant Weltreiche des Geistes aufzuschließen vermag. „Gebildet ist gerade nicht, wer ‚mit beiden Beinen auf der Erde steht‘, der Durchblicker und Bescheidwisser, der unerschütterliche Realist.“ Es bedürfe eines Rests an Naivität, um mit Dichtung und Kunst, mit den „großen Geschichten der Menschheit etwas anfangen zu können“. Oder dass Geschichte nicht von gestern ist. Dass im Gegenteil die „Fixiertheit aufs Jetzt“ vielmehr eine „schwere Verblödungsgefahr“ in sich berge.

In einer Passage illustriert Roß, was Erinnerung für das Leben bedeuten kann. Er berichtet über Anna Seghers' Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“. Die 1900 geborene Seghers schreibt ihre Geschichte in den 40er-Jahren im mexikanischen Exil auf, da sie sich an die Lehrerin erinnert, die ihr einst freundlich den Auftrag dazu erteilt hatte. Seghers lässt einen idyllischen Schulausflug ihrer Mädchenklasse wieder aufleben, den sie Jahrzehnte zuvor, vor dem Ersten Weltkrieg noch, unternommen hatte. Zugleich weiß die Ich-Erzählerin, was danach geschah, wer Nazi wurde und wer ins Konzentrationslager kam, wer heiratete und wer vor Scham nicht mehr leben wollte, ob des Mannes, der opportunistisch sich der Mörderbande anschloss. Es ist Seghers' Verständnis von Literatur: „Zeugnis ablegen, das Gedächtnis einer Zeit sein, das Leben der Toten für die Nachwelt aufbewahren.“

Diese Erinnerungsarbeit sei aber nicht nur den Dichterinnen und Dichtern aufgetragen, schreibt Roß. Sie sei vielmehr der Kern von Kultur, auf ihr beruhe unser Anspruch, mehr als Eintagsfliegen und Leichtgewichte zu sein. „Bildung. Eine Anleitung“ ist nicht das, aber ein Buch der Bücher, eine Einstiegsdroge, die nicht zum Abarbeiten eines Kanons auffordert, sondern zum Eintauchen ins Denken, zum Ausbruch aus dem „Seelenkäfig der Phantasielosigkeit, die sich keine andere Welt und keine andere Weltsicht als die eigene vorstellen kann“. 

Das Buch

Jan Roß: „Bildung. Eine Anleitung", Rowohlt Berlin, 2020, 319 Seiten, 22 Euro.