Immer wieder möchte man bei der Lektüre dieses Buches wie im Kino an einer besonders grausigen Stelle die Hände vor die Augen schlagen und nur vorsichtig durch die Spalten zwischen den Fingern schauen – jederzeit bereit, wieder blind zu werden. Will sich beruhigen mit den Worten: Das ist doch nur ein Buch! Doch die Geschichte des titelgebenden „Hope“ und seines Begleiters Mathis ist nicht „nur ein Buch“.

Peer Martin, 1968 in Hannover geboren und 2016 für sein Debüt „Sommer unter schwarzen Flügeln“ von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, hat sie zwar erfunden, doch spielt sich alles, was darin geschieht, da draußen in der Welt ab. Martin erinnert daran auf den vielen Faktenseiten über Drogen, Wasser, Bananen, Zuckerrohr, Schnittblumen, Erdöl und was das alles mit Kriegen, Hunger, Klimawandel und Flucht zu tun hat.

„Hope“: Ein aufrüttelnder, spannender Roman

Und dass wegzusehen, aus – verständlicher – Angst vor der Wahrheit, die Welt und damit uns alle nur weiter an den Rand des Abgrunds bringt. Stattdessen gilt es, so die Botschaft dieses so aufrüttelnden wie spannenden Romans, die Hoffnung auf ein besseres Leben für alle nicht aufzugeben. Und zu handeln.

Auch Mathis, 19 Jahre alt und angehender Journalist, ahnt schon bald, dass sein Plan, das somalische Kind Hope auf seiner Flucht von Südafrika in die USA zu begleiten, sich nicht in einer ruhmbringenden Reportage erschöpfen wird. Denn um abzubilden, muss man begreifen – und aushalten. „Er zuckte leicht. Er träumte. Ich hätte seine Träume gern fotografiert. Aber ich hatte auch Angst vor ihnen.“ Als er das zugibt, sind die beiden noch ganz am Anfang ihrer Reise durch Brasilien, Kolumbien, Panama, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala und Mexiko. Mathis hat zwar gesehen, dass Hope ein Ohr fehlt, aber noch keinen Begriff davon, was diesem Kind noch angetan wurde. Und er ahnt nicht, welches Ausmaß an Gewalt, Ohnmacht, Erschöpfung, Hunger und Hoffnungslosigkeit ihnen noch begegnen wird – in Gestalt der vielen Menschen, die sie treffen, gegen die sie kämpfen, die sie lieb gewinnen, und auch am eigenen Leib.

„Die Leute erzählen ihre Geschichten nicht so, wie sie passiert sind (...) Wenn sie so erzählen würden, wie sie passiert sind, würde niemand sie glauben.“ Das erklärt Hope seinem älteren Freund gleich zu Beginn des Buches, und deutet an, was immer klarer wird: Dieses zwölfjährige Kind hat mehr erlebt und verstanden als viele Erwachsene. Dennoch kann er, dem Grauen noch lange nicht entkommen und noch tausende Kilometer und zig bewachte Grenzen von seinem Ziel entfernt ist, sagen „Ich bin auch ein Glückskind (...) ich meine, ich bin hier. Raus aus Afrika.“

Nicht selten tröstet Hope Mathis und erstaunt und beglückt viele andere Erwachsene durch seinen klaren Blick, seine Kraft und seinen Glauben in eine hellere Zukunft. Für alle. Er ist damit fast eine biblische Figur, jenseits aller Religionen, und der Grund, warum dieses Buch seinen Titel zu Recht trägt. Wie gut, dass Hopes Geschichte erzählt wurde. Man will sie glauben.