So sieht das Emoji „Homeoffice“ aus.
Illustration: Susanne Schirdewahn

Berlin - Ich habe in meinem Bad einen Teppich mit bunten Streifen liegen. Der Plan war, dass die Farben davon ablenken sollten, wenn Staub und Dreck mal etwas länger haften bleiben. Weil man ja nicht immer gleich dazu kommt zu saugen, wenn man arbeitet. Neuerdings hat er viele, viele Flecken. Obwohl ich schon oft sauge. Jetzt, da ich öfter daheim bin.

Vom Bildschirm aus sehe ich die sich anschleichende Verwahrlosung nicht. Immerhin habe ich so ein Allzweckzimmer, in dem ich schlafe und neuerdings auch werktätig bin: mein Homeoffice. Den Monitor habe ich so gedreht, dass die Leute, mit denen ich videotelefoniere, die Bücher- und Wäschehaufen nicht mitbekommen; nur ich muss sie sehen.

Ich habe mir nun einen Raumduft zugelegt. Der vermittelt zumindest Frische, wenngleich ich auch öfter lüften könnte. Aber dann müsste ich ja auch mehr heizen. Muss ich sowieso. Das Homeoffice verschlingt Hunderte Euro Mehrausgaben für Energie, die muss ich erst mal wieder reinholen. Manchmal setze ich mich auch anders hin, in eine andere Blickrichtung, das gibt eine schöne Abwechslung.

Die Schritte zu meinem Badezimmerteppich sind genau abgezählt, ich kann meinen Herd mit geschlossenen Augen bedienen und ja, ich bin eine Küchenfee geworden, die besser kocht als jede Kantinengöttin. Der Kaffeeduft durchflutet die gesamten Räume, da kann nicht mal mein Zimmerdeo mithalten. Wenn es auf Dauer nicht so öde wäre, würde ich sagen, es ist toll. Homeoffice!

Meine Kunden am Bildschirm betonen alle, wie sehr sie die Vorteile schätzen. Ich unterrichte sie in Deutsch als Fremdsprache, und nun müssen sie nicht mehr die lästigen Schienenersatzverkehre nutzen, nicht mehr Zeit auf dem zugigen Rad im stockenden Verkehr verbringen. Sie haben ihre Kollegen schon lange nicht mehr in echt gesehen, da fällt der anstrengende Smalltalk weg. Und immer über das Wetter reden, das in Berlin eh immer schlecht, zu warm, zu kalt ist, wer will das schon.

Manche sitzen auf dem Sofa, wenn sie sich von mir neue Wörter lehren lassen, die sie irgendwann in der Epoche nach dem Heimbüro nutzen können werden. „Ich möchte bitte einen Kaffee mit Schaum aus laktosefreier Milch.“ Überhaupt reden wir viel übers Essen beim Sprachunterricht. Wie gern würde ich ihnen aber zeigen, wie man den Löffel schwingt und was mein Kühlschrank an Wohlgerüchen zu bieten hat, seitdem ich mir meine Wohnung schön koche.

Meine jungen „Mitarbeiter“ profitieren schließlich auch davon. Sie sind in anderen Zeitschichten zugange, manchmal sehen wir uns kaum, obwohl wir dieselben Räumlichkeiten nutzen. Aber ich erkenne an den Spuren meines Badezimmersteppichs, dass sie immer noch da sind und wohl auch Besuch haben. Mann, endlich könnten wir uns auch öfter in der Appartementmensa treffen, auf einen kleinen Schnack. Doch meine Söhne sagen, sie haben keine Zeit. Das Arbeiten zu Hause verschlingt regelrecht.

Das Gute dabei: Ich kann nicht mehr dauernd schimpfen, wenn ich sie am Computer sitzen sehe. So hat alles seine Vorteile. Aber dass ich anfange, die Fussel an meinem Teppich zu hassen, mag nach einem beginnenden Hospitalismus-Syndrom klingen. Ich sollte mir endlich einen neuen kaufen. Das wäre auch ein guter Grund, mal wieder das Haus zu verlassen.