Neues Jack White-Album „Lazaretto“: Von allen abgelehnt und von Kindern bedroht

Hm. Ein wenig ratlos hinterlässt einen das neue Album Jack Whites nach dem ersten Hören. Im Grunde erlebt man auf „Lazaretto“ nichts grundsätzlich anderes als auf der ersten Solo-LP „Blunderbuss“ vor zwei Jahren: Prog-Riffs, Bluesgitarren, Funkrhythmen, Orgeln und Rockklaviere, Countrymomente, jede Menge Breaks, Tempo- und Temperaturwechsel, alles kompromisslos und ideenreich. Aber sucht man einen Gesamteindruck, findet man – nicht sehr viel. Leider ändert sich das auch nach mehrmaligem Hören nicht wirklich.

Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die der Komponist Morton Feldman über eine Begegnung mit Karlheinz Stockhausen erzählt hat. Stockhausen habe ihn nach dem Geheimnis seiner schweifenden Klangschichten gefragt, worauf Feldman geantwortet habe: „Du darfst Deine Sounds nicht bedrängen.“ Darauf Stockhausen: „Nicht mal ein kleines bisschen?“ So wünscht man sich hier, Jack White könnte seine Stücke einfach mal in Ruhe lassen, eine Idee für sich behalten oder fürs nächste Album aufsparen. Wollte man eine psychologische Diagnose für die Rocknummern des Albums wagen, man käme wohl ums Attest einer leichten Zwangsstörung nicht umhin.

Thesenhafte Wucht

Exemplarisch das Titelstück, in dem er mit irgendeinem weiblichen Gott hadert, was ihn zu schmerzvollen Gitarrenquiekern zwingt. Es beginnt mit einem schweren, kantigen, fuzzbelegten Funkriff, über das White aggressiv quasi-rappt und dabei vor Aufregung an den Zeilenenden wegkippt. Es treten in scharf geschnittener Folge auf: ein gegenläufiger, klingelnder Synthie, eine schmurgelnde Orgel, eine schwellende Gitarre, eine kreischende Gitarre, ein gehacktes, splitterndes Solo. Eine Pause. Dann ein schweres Metalbrett, wieherndes Feedback, unübersichtlicher Lärm hinter hysterisch gelayertem, fern hymnischem Gesang. Der Funk kommt für ein hässliches Prog-Geigensolo zurück. Die Gitarre leiert einen Auslauftriller. Schluss.

Das Stück dauert wie alle anderen rund vier Minuten. Üblicherweise zielt eine derartige Strukturüberlastung entweder darauf, einen Song zu öffnen, oder sie soll beweisen, dass man alternative Entwicklungen – lustvoll oder kühl – erwägen könnte. In Whites Songs wird es dagegen meistens immer enger und unbequemer bis zur ganz derangierten, zappaesken Wirrnis von „Black Bat Licorice“. Er sprengt sein Bluesrockgenre nicht, sondern packt ihm den Buckel voll, bis es zusammenbricht.

Weil der Mann ein Könner ist, klingt das oft gar nicht schlecht. Das Unbehagen wächst mehr aus dem überdeutlichen Willen, immer wahnsinnig originell die Erwartungen zu kontern. Und noch mehr aus seinem apodiktischen Ton. White besitzt eine eigene, eindrucksvolle Autorität an der Gitarre, die Energie seiner harten Riffs ist außergewöhnlich. Aber auf „Lazaretto“ klingt fast jedes kleine Motiv nach thesenhafter Wucht und zusammengebissenen Zähnen.

Dabei hat ihm eigentlich noch nie einer widersprochen. Man hat ihn für die punkige Direktheit der White Stripes gefeiert, den Classic Rock der Raconteurs entspannt mitgenommen, und als er sich auf „Blunderbuss“ in den Hard Rock Led Zeppelins wühlte, fand man das seltsam sinnig und gut.

Swingender Countryrock und romantisches Klavier-Arpeggio

Nun wirken auf „Lazaretto“ auch die Texte oft aufdringlich trotzig. Er möbelt einen alten Blues zum Funkrock auf und singt, man solle ihn mit Vorwürfen zu den drei Frauen, die er darin betrügt, in Ruhe lassen. Sie kämen ja freiwillig immer wieder. In „Entitlement“ fühlt er sich von allen für sein Treiben abgelehnt und noch von den Kindern bedroht, in „I Think I Found the Culprit“ verdächtigt er gar die Vögel auf der Fensterbank finsterer Absichten. Nebenbei scheint er, wie man aus den Klatschgeschichten um allerlei Kollegenbashing der letzten Zeit erfährt, auch privat recht kleinlich. Als er sich gerade dafür entschuldigte, geschah dies mit genervter Überheblichkeit.

Dabei erkennt man natürlich in all seinen Unternehmungen und auch hier, wie leidenschaftlich er sich mit seinen Vorlagen auseinandersetzt. Diese Liebe nimmt einen auf „Lazaretto“ vor allem in den kleinen Manövern für ihn ein, mit denen er sich in den schlichteren Stücken seitwärts wendet. Die Fiedel im swingenden Countryrock „Temporary Ground“ klingt für einmal nicht penetrant, die Kadenz zum Refrain-Ende interessant und noch das romantische Arpeggio des Klaviers charmant.

Der leichte Schunkelwalzer „Entitlement“ mit seinem Klimperklavier und der Steelgitarre ist hübsch, der fransige, dabei sture Boogierock „One Last Drink“ mit losen Honkytonkakkorden und scheinbar schlampiger Produktion sympathisch. Aber gerade gegen die musikalische Zärtlichkeit dieser Titel wirkt White in den harten Stücken oft wie ein Stalker. Und in der Folge des Albums bestärken sie vor allem die Frage, worum es hier eigentlich geht.