Berlin - Das muss man erst mal schaffen: Das Produkt ist noch gar nicht auf dem Markt, und trotzdem reden schon alle darüber. Genau das ist Felicia Mutterer und ihrem Startup-Verlag Tchakabum gelungen. An diesem Mittwoch erscheint das erste Heft von "Straight", dem "Magazin für Frauen, die Frauen lieben", so die Selbstbeschreibung. Und dank eines Werbespots ist es schon jetzt in aller Munde.

Darin zu sehen: Bundeskanzlerin Angela Merkel beziehungsweise ihr Double in Gestalt einer Schauspielerin. Sie steht am Fenster und checkt ihr Handy. Im Hintergrund hört man einen Nachrichtensprecher: "...mit deutlicher Mehrheit von rund 62 Prozent für die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren gestimmt." Plötzlich tritt eine junge Frau von hinten an die CDU-Politkerin heran und schmiegt sich zärtlich an sie.

Ein zweites, noch expliziteres Video zeigt die beiden im Bett. Ihre vermeintliche Liebhaberin schließt den Reißverschluss von Merkels Kleid und küsst ihren Rücken.

Die "Straight"-Herausgeber twitterten die Videos vor einigen Tagen. "Ganz Europa hasst Merkel? Ja, bis auf diese Frau...", schrieben sie dazu. Und: "Homo-Ehe - das ist Merkels Geheimnis." Damit treffen sie einen Nerv in einer aktuellen politischen Debatte: Während Irland und die USA die rechtliche Gleichstellung Homosexueller bereits beschlossen haben, ist die Bundesregierung bei der so genannten "Ehe für alle" noch uneins.

Die Kanzlerin selbst hat mehrfach klargestellt, dass sie die Ehe als "Zusammenleben von Mann und Frau" verstehe - zuletzt im Interview mit dem Youtube-Star LeFloid. Auch deshalb ist der "Straight"-Clip so eine gelungene Provokation. Und landete in den Redaktionen: Bild.de widmete ihm sogar Platz auf der Startseite. Und die "Welt", die kürzlich schon einen Artikel über Lesben als Werbe-Zielgruppe veröffentlicht hatte, nahm ihn zum Anlass, um zu untersuchen, wo Merkel schon als Werbe-Figur diente.

"Wir sind natürlich total glücklich über die vielen Reaktionen", sagt Straight-Herausgeberin Felicia Mutterer. Nicht zuletzt natürlich wegen der Aufmerksamkeit, die "Straight" dadurch pünktlich zum Start am 22. Juli bekommt. Aber auch wegen der politischen Botschaft, für die sie per Agentur eine Merkel-Doppelgängerin engagiert haben. "Wir wollen damit ganz klar die Ehe für alle supporten. Sie wird auch Thema in unserer ersten Ausgabe sein, auch wenn wir in erster Linie ein Lifestyle-Magazin sind."

Neben Alltagseinblicken, Fashion und Beautystrecken liegt ein Schwerpunkt auf Sexualität. In der ersten Titelgeschichte soll es um "Lesbische Frauen am Arbeitsplatz” gehen. Außerdem bietet die erste Ausgabe ein Interview mit einem Samenspender, der von seinen Erfahrungen erzählt, Frauenpaare mit Kinderwunsch zu unterstützen - und eine "Turnschuh-Ecke", in der neue Sneakers präsentiert werden, wie Mutterer in einem rbb-Interview ankündigte.

Die Idee zum Heft hatte die Journalistin bereits vor fünf Jahren. 2013 gründete sie zunächst das Startup Tchakabum - ursprünglich als Shop für Armbänder mit queeren Slogans wie "JippieJayGay". Nun ist Tchakabum ein privat finanzierter Verlag - und #JippieJayGay der offizielle Hashtag für die Social-Media-Aktivitäten von "Straight".

"Während der Zeitschriften-Markt ein breites Angebot für Schwule bereithält, gibt es in Deutschland gerade mal ein einziges klar positioniertes Print-Magazin für die Zielgruppe von zwei Millionen lesbischen und queeren Frauen" (das Magazin L-Mag, Anm. d. Red.). Das ist zu wenig", meint Mutterer, die hauptberuflich für die Deutschlandstiftung Integration arbeitet. "Straight" macht sie gemeinsam mit ihren Geschäftspartner Eva Werle und Sven Markschläger sowie einem Kreativteam, bestehend aus der Fotografin Nadine Lambertz (Barrikadestudio), dem Grafikdesigner Andreas Pietsch (Streifenschnitt) und der queeren Künstlerin Jasmin Acar.

Ihr Magazin soll zeigen, wie wenig stereotyp Lesben sind. "Wir wollen Rollenbilder schaffen, mit denen sich auch die bislang weniger sichtbaren Frauenliebenden identifizieren können", erklärt die Wahl-Berlinerin Mutterer. Den Namen haben sie dabei ganz bewusst gewählt: "Straight steht für geradeaus, offen und ehrlich, selbstbewusst. In der genormten Welt steht er für heterosexuelle Menschen - genau deswegen ist der Begriff im Kontext unseres Angebots spannend."

Bei der Zielgruppe kommt dieses Konzept offenbar an. Geht es nach den Zuschriften neu gewonnener Fans, könnte ihr Verlag bereits hunderte Abos abschließen, bevor überhaupt das erste Heft verkauft wurde, erzählt Mutterer - und das, obwohl das Magazin mit 4,90 Euro gar nicht so günstig ist. "Unsere Auflage von 15.000 erscheint uns jetzt eigentlich zu klein." So groß ist das Interesse der potenzielle Leserinnen.

Nur aus dem Kanzleramt gibt es noch keine Reaktion. Man habe das Video durchaus registriert, werde es aber nicht kommentieren, heißt es in der Pressestelle. Was Frau Merkel wohl zu ihrer neuen Rolle sagen würde? Zuletzt hatte sie ja unter dem Hashtag #Merkelstreichelt wegen ihrer Flüchtlingspolitik für Negativschlagzeilen gesorgt - nun wird sie selbst gestreichelt. Von einer Frau. "Wir hoffen, dass sie darüber lachen kann", sagt Mutterer. "Und dass wir einen Denkanstoß geben können - immerhin ist die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bei diesem Thema anderer Meinung als die Bundesregierung."

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