Berlin - Die Ausstellung heißt „Russen und Deutsche“. Das sollen wir, sagen die Ausstellungsmacher, ganz ernst nehmen. Es gehe eben nicht um Russland und Deutschland, nicht um die staatlichen Beziehungen, nicht um die großen Dinge, sondern um die Menschen. Das hört sich gut an. Ist in Wahrheit aber – das zeigt sich sehr schnell beim Gang durch die Ausstellung –, nichts als eine Entschuldigung für das Nicht-Nachdenken-Wollen.

Man hat zusammengekarrt, was man vor die Flinte bekam. Es ist eine Ausstellung herausgekommen, in der sich viele schöne, interessante Dinge befinden – nur zum Verhältnis der Deutschen zu den Russen und umgekehrt weiß sie nichts, überhaupt nichts zu sagen. Wer über Russen und Deutsche sprechen möchte, ohne das Verhältnis der Staaten zueinander thematisieren zu wollen, der darf sich nicht wundern, wenn er nichts ausstellt, sondern nur ein Sammelsurium bietet.

In Russland mag das einen Sinn haben. Man will vielleicht herunterkommen von den alten Festlegungen, man glaubt sich nach Jahrzehnten der Ideologisierung ins Menschliche, ins Menschelnde flüchten zu müssen. Hier in Berlin wirkt die Ausstellung nur lächerlich. Das beginnt schon mit der Präsentation. Wenn in einem Raum rechts Porträts hängen und links Porträts hängen, hübsch in der Reihe und alle im gleichen Format, auf der einen Seite die Gemälde und gegenüber die Drucke und dazwischen in ein paar Vitrinen Teller, ausgestopfte Vögel und der Schädel einer Seekuh, dann fühlt der Betrachter sich – ausstellungsästhetisch – um Jahrhunderte zurückgeworfen.

Das Interesse gründlich ausgetrieben

Der Kenner mag das genießen, er wird womöglich – ermüdet von all den Showeffekten, denen er in anderen Ausstellungen ausgesetzt ist – dem sich unwiderstehlich aufdrängenden Gähnreiz genussvoll nachgeben. Dem einfach nur interessierten Besucher dagegen wird sein Interesse gründlich ausgetrieben.

Die Ausstellung macht nichts klar. Sie verdeutlicht nichts. Sie reiht aneinander. Es gab Russen in Berlin und Deutsche in Russland. Mehr als man dachte. Das nimmt man mit. Man blickt gerührt auf den Eintrag im Kirchenbuch der reformierten Gemeinde in Marburg. Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711-1765) hat hier im Juni 1740 die von ihm geschwängerte Tochter seiner Zimmerwirtin geheiratet.

Er war nach Marburg gegangen um beim großen Christian Wolff zu studieren. Der hatte dort an der reformierten Universität Unterschlupf gefunden, nachdem die Pietisten im preußischen Halle ihn von ihrer Universität verjagt hatten, weil er gelehrt hatte, Moral und Ethik bedürften keiner Offenbarung, das könne man bei den Chinesen sehen. Lomonossow soll mit Elisabeth Zilch bis zu seinem Tode eine glückliche Ehe geführt haben.

Voller Rührung steht man auch vor einem kleinen bedruckten Stück Papier. Es stammt aus Badenweiler, vom 30.6. 1904. Es ist eine Wiegekarte von Anton Tschechow. Zwei Tage vor seinem Tod wog er noch 63,9 Kilo.

Wann aber gab es staatliche Beziehungen zwischen dem russischen Reich und den deutschen Ländern? Wann gar das so vertrackt-schreckliche Verhältnis Preußen-Polen. Kein Wort in dieser Ausstellung dazu, wie fürchterlich es war, wenn die beiden gut miteinander konnten. Für Polen zum Beispiel. In dieser Ausstellung soll die Gemütlichkeit die Wirklichkeit ersticken. Und wenn es das nicht tut, dann hilft auch ein wenig Ästhetik. Ein ganzer Raum zum Beispiel für den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion.

Menscheln statt Ernsthaftigkeit

An den Wänden ein paar sehr schöne, sehr große Landschaftsfotos aus Leningrad, Stalingrad, Kursk und am Ende die Seelower Höhen, 70 Kilometer vor Berlin. Man kann sich hinsetzen und dazu die Fünfte Sinfonie von Schostakowitsch hören.

Wo ist der Hitler-Stalin-Pakt? Es gibt ihn. Ein kleines Stück Papier mit dem Zusatzprotokoll, in dem geregelt wurde, dass Westpolen und Litauen den Deutschen und Finnland, Estland, Lettland den Sowjets unterstehen sollten. Die Macher dieser Ausstellung lassen dieses kleine Stück Schreibmaschinenpapier verschwinden hinter riesigen Landschafts-Fotografien, die von 2011 bis 2012 entstanden. Wenn es ernst wird, langt das Menscheln nicht mehr, da muss eine Ergriffenheitsästhetik her, um das, was sich wirklich abgespielt hat, im schönen Schein noch einmal umzubringen.

Die Revolution von 1917 kommt vor. Sie spielt aber keine Rolle. Russland, das kurz davor bei den westlichen Intellektuellen noch Mode war, weil es für eine Archaik stand, für die Möglichkeit, der Moderne in der Moderne zu entkommen, war plötzlich in den Augen von Millionen Menschen Avantgarde. Auch von Millionen Deutschen. Das russische Berlin der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg kommt vor, Kandinsky und Jawlensky haben ihre Auftritte. Heinrich Vogeler (1872-1942), der sich vertat und ausgerechnet in die Sowjetunion floh.

Ein Anschlag auf die Intelligenz der Besucher

Aber nichts über die verhängnisvolle Rolle, die die Sozialfaschismus-Politik der Komintern im Kampf gegen den Nationalsozialismus spielte. Das soll keine Rolle gespielt haben im Verhältnis von Deutschen und Russen? Und die Gründung der DDR? Kann man sie weglassen, wenn es um die Geschichte der Beziehungen von Deutschen und Russen geht? Man kann. Aber man tut den beiden Völkern nichts Gutes damit.

Eine der zentralen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts war der Marxismus-Leninismus. Er kommt nicht vor in der Ausstellung. Dabei ist er das wirkmächtigste Kind der Beziehung von Deutschen und Russen. Es wird verleugnet, verschwiegen: ein Bastard, dessen sich die Kuratoren schämen. Diese Ausstellung ist ein Anschlag auf die Intelligenz der Besucher.

Sie ist der russisch-deutsche Versuch, uns eine rosa Brille aufzusetzen, uns weißzumachen, die Verbrechen, die wir einander angetan und die wir zusammen anderen angetan haben, wären nichts im Vergleich zu ein paar Handelsverträgen, zur Bildersammlung Katharina II. oder den mächtigen Vasen, auf denen die Freundschaft zwischen Preußen und Russland, den geschworenen Feinden aller Verfassungsfreunde, gefeiert wurden. Diese Ausstellung gehört eingemottet.

Russen & Deutsche – 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur, Neues Museum, bis 13. Januar. Katalog, zwei Bände, Michael Imhof Verlag.

Im Käthe Kollwitz Museum Berlin, Fasanenstraße 24, beginnt am 26. Oktober die Ausstellung: „Käthe Kollwitz und Russland – eine Wahlverwandtschaft?“