Berlin - Es ist ein Gebäude mit schwieriger Geschichte. Nun kommt ihm eine neue Aufgabe zu. Nach einjähriger Bauphase eröffnet an diesem Donnerstag das Kunsthaus Dahlem als Ausstellungshaus für die deutsche Nachkriegsmoderne in Ost und West. Das Haus am Käuzchensteig direkt am Grunewald war einst als „Staatsatelier“ gedacht. Adolf Hitler hatte es für seinen Lieblingsbildhauer Arno Breker errichten lassen. 1942 fertiggestellt, sollte Breker hier den Skulpturenschmuck für seinen Großauftrag der Reichshauptstadt Germania herstellen, doch war es mehr Vorführatelier denn Produktionsstätte. Nach Kriegsende zogen zuerst sowjetische Soldaten ein, dann die amerikanischen Besatzer mit der Information Control Division, die für die Entnazifizierung der Kultureinrichtungen zuständig war. 1946 wurde das Haus an den Magistrat von Berlin rückübertragen.

Erst 1949 wird es wieder Ateliersitz und in der Nachkriegszeit zu einem Haus der Künstler. Der Erste, der hier einzieht, ist der Bildhauer Bernhard Heiliger. Er bleibt bis zu seinem Tod 1995. Ein Jahr später gründet sich die Bernhard-Heiliger-Stiftung, die sein Erbe fortführt. 1964/65 erschafft der Italiener Emilio Vedova sein „Absurdes Berliner Tagebuch“ in einem der Räume, und in den 80er-Jahren zieht Wolf Vostell ein, mit seinen Cadillacs, und gießt sie zu Betonskulpturen. Der DAAD vergibt hier Ateliers an seine Stipendiaten, und der Berliner Kultursenat an Künstler wie Jimmie Durham oder Dorothy Iannone. 2013 werden schließlich – unter großem Künstlerprotest – die Ateliers geschlossen.

Der Ort verspricht also ein starkes Spannungsfeld. Wir sprachen mit Dorothea Schöne, der ersten Leiterin des neuen Kunsthauses. Sie eröffnet mit der Ausstellung „Porträt Berlin. Künstlerische Positionen der Berliner Nachkriegsmoderne 1945–1955“, mit mehr als 70 Werken von Künstlern wie Fritz Cremer, Waldemar Grzimek, Ruthild Hahne, Karl Hartung, Jeanne Mammen, Gerhard Marcks und Hans Uhlmann. Es gibt ein schickes Café, mit Westausrichtung.

Frau Schöne, ein neuer Kunststandort im losen West-Berliner Dreigestirn aus Brücke-Museum, Haus am Waldsee und Georg-Kolbe-Museum – gibt es bereits Kooperationen?

Wir stehen alle in engem Kontakt, naturgemäß vor allem mit dem Brücke-Museum als Nachbarn. Mit unserem Café, dem großen Garten und den Räumen werten wir den Standort auch auf. Wegen der Baugeschichte dieses Hauses und seiner Kunst

nach 1945 erfassen wir alle zusammen zentrale Momente der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert. In der Ausstellung haben wir auch zwei kleine Skulpturen von Schmidt-Rottluff, die ganz konkret die Nachwirkungen der „Brücke“ aufgreifen. Auch mit dem Kolbe-Museum und dem Haus am Waldsee reden wir über die Programme. Das muss man sicherlich noch fein abstimmen, um Überschneidungen zu vermeiden. Aber diese Häuser widmen sich doch jeweils einem anderen Schwerpunkt. Auch vom Kolbe-Museum haben wir eine Leihgabe in der Ausstellung.

Welche?

Georg Kolbes letztes Werk, „Der kleine Befreite“, von 1947.

Werden denn die Leute aus den Bezirken im Zentrum den Weg hierher auf sich nehmen?

Das Brücke-Museum ist ja ein etablierter Standort mit fester Klientel. Das finden die Besucher auch. Bus und U-Bahn sind nicht weit. Ich halte es außerdem für fatal, eine Zentralisierung aller Kultureinrichtungen nach Mitte zu forcieren. Es gibt Städte, die aus solchen Fehlern gelernt haben und das wieder rückgängig machen. Ich wünsche mir sehr, auch ein anderes Publikum zu begeistern. Im Vorfeld hatten wir hier Tanz und Percussion im Skulpturengarten. Plötzlich kamen 200 ganz junge Leute, die sich über den Tanz ihren Weg ins Museum erschlossen haben. Das ist eine wichtige Aufgabe, gerade um eine so schwierige Zeit wie die Nachkriegsjahrzehnte einem Publikum interessant zu machen.

Sie treten hier ein kompliziertes Erbe an. Haben Sie sich deshalb für den so neutral klingenden Namen Kunsthaus Dahlem entschieden?

Ja, das war ein langer Abstimmungsprozess, auch mit Gegenstimmen. Die Entscheidung fiel letztendlich, nicht um zu verschleiern, sondern wegen der höchst problematischen Nutzungsgeschichte in den Anfangsjahren, danach wird sie ja sehr schön. Jetzt ist es ein Ausstellungshaus für Nachkriegsmoderne. Auch sollen die teils sehr filigranen Biografien von Künstlern, die es wahrlich nicht leicht hatten, hier nicht im „Staatsatelier“ stecken. Das geht einfach nicht. Ein neutrales Portfolio ermöglicht hingegen, alles zusammenzubringen. Wir haben Wandtafeln im Eingangsbereich zur Geschichte des Hauses. Ich konnte Forschungsaufträge zur Aufarbeitung vergeben und habe mich für eine Heftreihe statt für einen dicken Kaffeetisch-Katalog entschieden, um dieses recht arm aufgearbeitete Jahrzehnt von allen Seiten neu beleuchten zu lassen.

Wie vermeiden Sie mit dem Blick auf die Entwicklung nach 1945, dass der Blick auf die jüngere Geschichte allzusehr von Bernhard Heiliger dominiert wird? Die Heiliger-Gesellschaft hat sich ja auch um dieses Haus bemüht – und jetzt wird es zu einem allgemeinen Museum.

Es ist ein Haus der Nachkriegsmoderne – das ist ein eindeutiges Bekenntnis – und ein vom Land Berlin geförderter Ausstellungsort. Kunsthistorisch ist es völlig legitim, zum 100. Geburtstag von Heiliger den Raum, in dem er 50 Jahre gelebt und gearbeitet hat, ihm auch zu widmen. Und ich kann auf einen tollen Sammlungsbestand zurückgreifen, das ist ein großes Geschenk! Der Hauptraum aber ist anderen Künstlern gewidmet. Viel spannender ist, diese Künstler, die in der Zeit auch miteinander gearbeitet haben, in Bezug zueinander zu setzen. Wie etwa Alexander Camaro, der mit Heiliger zusammen ein Faust-Bühnenbild entworfen hat.

Im Untertitel stehen aber West und Ost für die Nachkriegsmoderne. Warum ist dann der Metallbildhauer Fritz Kühn aus dem Osten hier nicht vertreten?

Noch nicht! Ich war bei den Nachlasspflegern von Fritz Kühn. Da sich unsere erste Ausstellung aber der Zeit von 1945 bis 1955 in Berlin widmet, muss man genau hinschauen: Wer arbeitet überhaupt wieder bildhauerisch? Ich habe großes Interesse, Fritz Kühn zu zeigen und halte ihn für einen äußerst wichtigen Bildhauer. Nur, ihn jetzt bloß aufgrund der Debatten, die in der Vergangenheit gelaufen sind, mit hereinzubringen, halte ich für übereilt. Das Haus fängt gerade erst an. Dann aber wird Fritz Kühn auf jeden Fall seine Position einnehmen. Das allererste Nachkriegsjahrzehnt ist eine politische Spaltung – keine künstlerische! Die Künstler begreifen sich ja nicht als Ost- oder West-Berliner. Das künstlerisch aufzubrechen, wäre eine Fehlinterpretation ihrer Werke.

Wie steht es mit der Diskussion um die Schließungen der Ateliers?

Schwer einzuschätzen. Sie ist erst mal verebbt. Ob sie mit der Gründung wieder aufkochen wird, kann ich mir gut vorstellen. Ich habe dem alles mir Mögliche entgegengesetzt. Aktuell zeigen im Eigen+Art-Lab fünf junge Künstler kritische Werke, die sich mit diesem Haus auseinandersetzen. Und wenn hier schon keine Ateliers sind, dann zumindest Raum, der Auseinandersetzung bietet und temporär zeitgenössische Arbeiten zeigt. Ich bin an das Haus gekommen, als die Entscheidung, die Ateliers hier zu schließen, bereits gefallen war. Ich versuche, meinen kleinen Teil zurückzugeben. Die moderne Rezeption und die NS-Vergangenheit reizt sehr viele Künstler. Daraus etwas zu entwickeln und zu machen, steht auf jeden Fall auch an.

Das Gespräch führte Irmgard Berner.