Wenn Andy Jackson, Pink Floyds Haustechniker seit 34 Jahren, die Entstehung des neuen Albums „Endless River“ beschreibt, kann man ihn kaum der Romantisierung bezichtigen. Drei Wochen, sagt er, hätten er und David Gilmours Kumpel Phil Manzanera sich durch einen Haufen aus 20 Jahre altem Session-Material gewühlt. Manzanera habe sich auf einem Block Notizen gemacht, wann immer ihm etwas Brauchbares unterkam. Hin und wieder, so Jackson, habe er den ehemaligen Roxy-Music-Gitarristen dabei bremsen müssen: „Das kannst du nicht verwenden, das haben wir früher schon einmal wo eingebaut.“ Als sie dann mit dem Durchhören der Bänder fertig waren, habe Gilmour Manzanera gefragt: „Ist da eine Platte drin? Können wir das tun? Geht das?“

Zum Anhören der fertigen Platte sind wir nun auf die Astoria geladen, das Hausbootstudio David Gilmours, das am verträumten Oberlauf der Themse nahe Hampton permanent vor Anker liegt. Erst sind wir ein wenig enttäuscht, dass uns nicht der Hausherr empfängt, sondern nur sein Tontechniker Jackson. Aber bald wird klar, dass dieser das Material der Band besser kennt als irgendjemand sonst – und vermutlich auch mehr über die „aktuelle Musik“ von Pink Floyd zu erzählen hat als die beiden verbliebenen Mitglieder der Band, Gilmour und Nick Mason.

„The Big Spliff“

Die Vorgeschichte des am Freitag erscheinenden, neuen und – wie es aussieht – wohl letzten Studioalbums von Pink Floyd wird selbst flüchtig Interessierten bereits bekannt sein.

Im Jahr 1993 hatten sich David Gilmour, Keyboarder Rick Wright und Schlagzeuger Nick Mason zu ein paar improvisierten Aufwärm-Sessions getroffen, ehe sie die Arbeit an ihrem bis dato letzten Album „The Division Bell“ angingen. Andy Jackson hatte vier Raummikrofone aufgestellt, um die spontanen Skizzen zu dokumentieren. Die 20 Stunden Rohmaterial, die sich dabei ansammelten, haben nach Rick Wrights plötzlichem Tod vor sechs Jahren als letzte verbliebene Tondokumente der vereinten Band (damals natürlich schon ohne den 1985 ausgestiegenen Roger Waters) enorm an historischer Bedeutung gewonnen.

In Fankreisen wusste man lange um die Existenz eines unveröffentlicht gebliebenen, psychedelischen Ambient-Albums namens „The Big Spliff“ – einer von Jackson zusammengestellten ersten Collage derselben Fragmente, die Manzanera nun zu vier durchgehenden, in etwa LP-Seiten-langen Stücken montiert hat. Nachdem Youth, der dritte Ko-Produzent im Bunde, den Stoff in seinem eigenen Studio noch etwas gestreckt und aufgefettet hatte, traf man sich mit Gilmour und Mason an Bord des Hausboots, um neue Schlagzeugparts, Gitarren und Bass (Gilmour, Bob Ezrin, Guy Pratt und Andy Jackson) einzuspielen. Als Saxofonist war laut Jackson der Floyd-erprobte Dick Parry vorgesehen gewesen, „aber der kann im Moment nicht spielen, weil er Probleme mit seinen Zähnen hat.“

Stattdessen spielte eben „Gilad… was ist noch einmal sein Nachname?“ Gilad Atzmon? „Ja genau, den kannte Phil von seiner Arbeit mit Robert Wyatt.“

Jacksons Erklärung der Herkunft der Streicherparts ist nicht minder prosaisch: „Youth nahm Streicher für irgendwas anderes auf und besorgte uns dabei noch ein paar Overdubs.“

Eine Gruppe von Backing-Sängerinnen, allen voran Durga McBroom, die schon seit Ende der Achtzigerjahre zur erweiterten Pink-Floyd-Besetzung gehört, kam auch noch zum Einsatz. Und weil es nichts zu verschwenden gab, recyclete man unter dem Titel „Hawkin’ Talkin’“ sogar noch ein paar übrig gebliebene, zwei Jahrzehnte später etwas weltfremd optimistisch klingende Zitate über die menschenverbindende Kommunikation im Computer-Zeitalter aus Stephen Hawkings Gastauftritt im „Division-Bell“-Stück „Keep Talking“.

David Gilmour sang schließlich den einzigen konventionellen Song des Albums: „Louder Than Words“, ein von seiner Frau, der Schriftstellerin Polly Samson, geschriebener Text über sinnlose Streitereien, die nichts zählen im Vergleich zum größeren Ganzen, „this thing that we do“, das man nur gemeinsam erschaffen kann: „The beat of our hearts is louder than words.“ Man könnte das fast als Friedensangebot an Roger Waters verstehen, aber Andy Jackson hat für solche Mutmaßungen nur einen ausnehmend skeptischen Gesichtsausdruck übrig.

Dafür nimmt er uns mit auf eine Führung durch das 1911 ursprünglich für den Londoner Theaterimpressario Fred Karno gebaute, 30 Meter lange Boot, vorbei am in Marmor gehaltenen Badezimmer und dem Bett, in dem einst Charlie Chaplin übernachtet haben soll (Karno gilt übrigens als der Erfinder des Torten-ins-Gesichts-werfens als dramaturgischem Element, seine bevorzugte Creme war Vanille). Ganz hinten im Heck des Boots ist der kleine Live-Raum eingerichtet, samt E-Piano und einer schwarzen Stratocaster, die der in einer Werkstatt am angrenzenden Grundstück arbeitende, grummelige Gitarrenroadie Phil Taylor stets für den Chef bereit hält.

Ein Sofa am Fluss

Am Bug-Ende des Boots füllen Mischpult, Lautsprecher und anderes Studiogerät die Vorderkabine aus. Vor dem Fenster glitzert friedlich der grünliche Fluss, und wenn es gewittert, hängt man zwischendurch für ein paar Geräuscheffekte das Mikrofon aus dem Fenster hinaus. Einen Stock darüber, auf dem sauber polierten, von einem zierlichen Glas-Baldachin überdachten Oberdeck steht ein dem Fluss zugewandtes Sofa, daneben ein schwerer Aschenbecher aus ermattetem Messing auf einem schlanken, hohen Fuß. Gut vorstellbar, wie sich hier nach einer gelungenen Session ein Big Spliff genießen lässt, während einem die lautlos vorbeiziehende Themse eine Mainstream-freundlichere Titelidee zuträgt: „Endless River“, die beiden (beinahe) letzten Worte auf „High Hopes“, dem letzten Song auf dem bis dato letzten Album „The Division Bell“, warum nicht?

Tatsächlich klingt „Endless River“ genau so, wie es seine Entstehungsgeschichte erwarten ließe: wie eine Zeitreise in eine versunkene Ära der Musikindustrie, als Rockbands noch so unaufhaltsam und träge wie Supertanker den Planeten bereisten. Als Synthesizer so viel kosteten wie ein Haus, Schlagzeugeinsätze auf sich warten ließen wie Monarchen, und schwarze Stratocasters sich in luxuriöse Daunen aus feinstem Hall und Echo betteten. Als man noch glaubte, der Fluss, der sie trägt, würde ein endloser sein.

Zum Hören: www.pinkfloyd.com/theendlessriver/listen