Der Schauprozess beginnt mit leichter Verspätung. Weil die Zufahrtsstraßen zum Deutschen Theater am ersten Abend dieses Berliner Premierenwochenendes ins Blaulicht des Erdogan-Besuchs getaucht sind, eilen viele Besucher erst deutlich nach halb acht auf ihre Plätze. Und während wenige Kilometer weiter das Schauspiel der internationalen Diplomatie nicht gänzlich störungsfrei über die Bühne geht, spielt das Theater wieder seine aktuell liebste Rolle als Gegenwartskorrektiv.

Hier sollen Köpfe rollen, weil Europa im Jahr 2028 endgültig kaputt ist, Italien die EU verlassen hat und ein autonomer Nordsee-Inselstaat entstanden ist. Eine Aktivistengruppe kidnappt die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft und stellt sie im Livestream vor das Tribunal ihrer Follower. Sie dürfen abstimmen, ob den Anklagten die „finale Lösung“ bevorsteht oder die Befragung fortgesetzt werden soll. „Let Them Eat Money“ nennt sich diese Performative Armee Fraktion, und so heißt auch das Stück, das der Regisseur Andres Veiel und die Autorin Jutta Doberstein entwickelt haben.

Fiktiver Super-Gau in zehn Jahren

Wie häufig bei diesem Gespann ist der Abend das Ergebnis intensiver dokumentarischer Vorarbeit. Aufwendiger als hier dürfte diese jedoch bislang kaum ausgefallen sein. Denn „Let Them Eat Money“ basiert auf Symposien und Think-Tanks, die Veiel und Doberstein seit einem Jahr gemeinsam mit Wissenschaftlern unter dem Dach des Deutschen Theaters und des Humboldt-Forums initiieren. Im Zentrum steht der Blick vom Morgen aufs Heute: Welche Spuren lassen sich bereits jetzt erkennen, die den fiktiven Super-Gau des Jahres 2028 in den Bereich des Denkbaren rücken?

Was aufgesplittert in Talks und fachwissenschaftliche Laboratorien bemerkenswerte Erkenntnisse zutage gefördert haben dürfte, hat in der theatralen Verdichtung auf unter zwei Stunden allerdings mit Problemen ganz eigener Art zu ringen. Denn schließlich wollen die Zukunftsdystopien auf der Bühne nicht bloß skizziert, sondern bunt ausgemalt werden. Dabei aber brennen bei dieser Uraufführung einige phantasmatische Sicherungen durch, wenn sich etwa Jörg Pose als Ex-EZB-Chef im Gold-Zweiteiler vor einer cyberpunkig plateaubeschuhten Kathleen Morgeneyer verantworten muss, die als Oberaktivistin den Kopf schräg legt und das Sprechen einfrieren lässt, wenn ihr Chipimplantat ausfällt.

Wohlfeiler Szenenapplaus

Fast beruhigend, dass die Welt in zehn Jahren im Look der späten Neunziger untergehen soll. Und so wird hier lange und eingerahmt von drei großen Videoleinwänden hin und her verhandelt. Über den Deal der EU mit dem Investor Tarp (Frank Seppeler), der die Flüchtlinge auf seine Inseln holt und dafür schalten und walten darf. Über ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nichts als flächendeckende Verelendung gebracht hat. Und über „fette, weiße Männer“ in den Chefetagen, die um eine Flasche Whiskey für 8000 Euro Wetten auf das Schicksal der Menschheit abschließen – was wohlfeilen Szenenapplaus erntet.

Einmal erzählt Jürgen Huth, der sich als entbehrlich gewordener Paketzusteller durch den Abend berlinert, wie er mit seinem alten NVA-Gewehr die Drohnen vom Himmel holt, die nun seine Arbeit übernommen haben. Und vielleicht ist das der radikalste und konkreteste Gedanke dieser übersortierten Inszenierung: Dass nur eine Kugel aus sozialistischem Lauf den Gang der Dinge unterbrechen kann.

„Die Gerechten“ im Gorki

So besehen entwickelte sich am Sonnabend – Erdogan war längst weitergereist und die Straßen wieder frei – im Gorki-Theater vom Start weg mehr Explosionskraft. Derart ohrenbetäubend fliegt da zu Beginn von Sebastian Baumgartens Camus-Inszenierung „Die Gerechten“ im Video ein Militärkonvoi in die Luft, dass man fürchtet, die Lautsprecher könnten sich lösen und in den ersten Parkettreihen einschlagen.

Es gibt Gründe, weshalb das Stück über einen Anschlag auf den russischen Großfürsten Romanow durch eine sozialrevolutionäre Terroristengruppe im Jahr 1905 nicht unbedingt zum Kanon der großen Theaterliteratur des 20. Jahrhunderts zählt. Der mithin arg auf der Stelle tretende Text, der partikulare und universelle Gerechtigkeitskonzepte innerhalb der Terroristenzelle miteinander konfrontiert, wird von Baumgartens gewohntem Zugriff zwischen Brecht, klavierbegleitetem Stummfilm, Pelzmützen-Cabaret und Diskurs-Schießbude jedoch mit einiger Spiellust reanimiert.

Denn obwohl Camus’ Figuren ähnlich reißbrettgeborene Ideenträger sind wie jene am Abend zuvor bei Veiel und Doberstein, sind es hier doch die spezifischen Mittel des Theaters, die hinter den Schablonen jene „schönen Seelen des Terrors“ aufscheinen lassen, von denen Hans Magnus Enzensberger in den 1960er-Jahren einmal hochkontrovers sprach.

Man sieht sie, wenn Jonas Dassler als Terrorist Woinow kiefermalmend und sehnig wie ein Woyzeck von dem zunächst abgebrochenen Anschlagsversuch spricht, bei dem die Kinder des Großfürsten mit im Wagen saßen. Wie groß muss eine Idee sein, dass sie ein Menschenopfer rechtfertigt? Dass der Abend zum Ende hin ausleiert und Baumgarten den Text schließlich eher umständlich für die Gegenwart gewinnen will – geschenkt. Seine zaudernden, hadernden Theater-Terroristen gehören eh zu einer anderen Wirklichkeit als der unseren.

Let Them Eat Money von Andres Veiel, zusammen mit Jutta Doberstein 3., 9., 13., 27.10. im Deutschen Theater, Karten unter Tel: 28441221 oder: www.deutschestheater.de

Die Gerechten von Albert Camus 6., 23. 10., 19.30Uhr im Maxim-Gorki-Theater, Karten unter Tel.: 20221115 oder: www.gorki.de