Der Jazzmusiker Miles Davis
Mary Evans/IMago

Eigentlich wollte ich mir das One-World-Spektakel sparen. Ich weigere mich, Isolationsauftritte als neuen Standard zu akzeptieren. Sie nehmen dem Konzert genau, was es zum Erlebnis macht: Den draußen, gemeinsam verbrachten, unwiederholbaren Moment. Als ich dann doch reingeschaut habe, waren gerade die sympathisch schlampigen Rolling Stones dran (Herrenzimmer, Plattensammlung). Es folgten der melancholische Burna Boy (Ledersessel), der rockende Keith Urban (Kellerstudio, mit „Nic“ also Nicole Kidman) und J-Lo (nachts, vor Baum voll Glühbirnen, barmend). Dazwischen: heroisch engagierte Helfer aus aller Welt, Werbung von Milliardenunternehmen und Milliardärswohltätern sowie die Ex-Präsidentengattinnen Michelle Obama und Laura Bush. 

Um dran zu bleiben war mir aber nicht langweilig genug. Schön, dass das enzyklopädische Homespotting nützliche Millionen für die von Trump verachtete WHO brachte. Sollte es jemanden über politische Dummheit und menschliche Verwahrlosung ins Grübeln gebracht haben, soll’s mir recht sein. Aber ist es schon Politik, wenn man Trump nicht nennt?

Ungefähr als einziger nicht dabei war Bob Dylan. Dafür hat er ja wieder einen Song ins Netz gestellt. Vielleicht ist das auch als Statement zu verstehen, dass er dort europäische und amerikanische Tradition verbindet, Beethoven, Marcel Carné, die Stones, Gene Vincent, Carl Perkins, Indiana Jones, dazu jüdische Mystik und Anne Frank. Er liest: William Blake, Edgar Allan Poe und Walt Whitman, dem er den Titel seines so schön apathisch murmelnden Tracks entlehnt hat: „I Contain Multitudes“, weil wir eben alle nicht eins, sondern jeder für sich viele sind: „I’m a man of contradictions/ I’m a man of many moods/I contain multitudes“ – in mir sind Welten.

Video zu „I Contain Multitudes“ von Bob Dylan

Youtube

Multitudes gibt es auch in Stanley Nelsons Miles-Davis-Dokumentation Birth of the Cool“. Leider etwas zu viele. Nelson fährt in den fast zwei Stunden seines Films jede Menge Kulturleute auf, die zu einer   fleißigen Sammlung von schicken Bildern sprechen. Man kann zum Beispiel lernen, dass Davis geschäftstüchtig verstanden hat, dass der Unterschied zwischen genialem Musiker und Popstar in der Performance, auch des Lifestyles, liegt. Nelson spricht vom traumatisierenden Rassismus, von Drogensucht, kalter Arroganz und dem üblen Verhältnis zu jenen Frauen, die Davis beim Genialsein halfen. So entsteht ein insgesamt dann doch recht spannendes Porträt, in dem viel angesprochen, aber nicht viel gesagt wird und auch über die Musik etwas kurz kommt. In den Worten von Miles Davis: „Es geht nicht darum, was du spielst, sondern was du nicht spielst.“

Miles Davis: Birth of the Cool

USA 2020. Regie: Stanley Nelson. 115 Min., Netflix oder DVD