Dieser Radames ist ein armes Würstchen. Das Orchestervorspiel hat noch nicht begonnen, da steht er schon verloren auf dem Laufsteg, der in den Zuschauerraum führt. Verwirrt blickt er um sich, als sei er gerade aufgewacht, irgendeinem Geräusch scheint er nachzulauschen. Vielleicht hat er in der Dunkelheit auch irgendetwas gesehen, was sonst niemand gesehen hat. Wenig später wird er sich von Amneris, die ihn liebt, ein Lätzchen umbinden lassen, er wird eine Wurststulle kauen, die sie ihm missmutig gestrichen hat. Von einer gewaltigen Fleischwurst schnitt sie herunter, herzhaft dicke Räder. Man könnte auch sagen: lieblos dicke Räder. Wurst fürs Würstchen. Vom tollen Feldherrn Radames ist in Benedikt von Peters Inszenierung, die am Sonntag Premiere hatte, nichts mehr übrig. Aber was gewinnt er dadurch!

Radikal bricht von Peter die sattsam bekannte und vielgespielte Verdi-Oper auf ein elektrisierendes Drei-Personen-Psycho-Drama herunter: ein Mann, zwei Frauen. Die eine, Amneris, die Frau am heimischen Herd; die andere, Aida, die Geliebte, deren Entferntheit das Glücksversprechen nur noch verlockender macht. Im Libretto ist sie die Tochter des feindlichen Äthiopier-Königs, in dieser Inszenierung wird sie zum bloßen Traumgebilde, eine Idealgestalt, die mit Perlenschleier vor dem Gesicht auftritt wie eine Figur aus Tausendundeiner Nacht. Im weißen Kleid geistert sie an den Bühnenwänden entlang, keiner berührt sie. Das einzige, was Radames von Aida zu fassen bekommt, ist ein ebenso weißes Rüschenkleid aus ihrer Garderobe. Es muss als Ersatz herhalten. Er knuddelt den weißen Stoffballen – Amneris, im Libretto die Zukünftige, bei von Peter jedoch schon die Jetzige, zerreißt ihn.

Verarbeitete Verdi seine eigene Ehekrise?

Sämtlicher Ägypten-Firlefanz verschwindet hier in der Tonne, stattdessen entdeckt von Peter in der Oper Bezüge zur Biographie des Komponisten. Als Vorlage dient ihm, dass Giuseppe Verdi in seinen Sechzigern neben seiner Gattin die Sängerin Teresa Stolz in sein haus aufnahm, die bei der italienischen Erstaufführung die Rolle der Aida sang. Eine Ehekrise bei Verdis war Folge dieser Dreisamkeit. Der Regisseur sieht die Verarbeitung dieser Dreiecksgeschichte als eigentlichen Kern der Oper. So schlüssig und berührend er das auf die Bühne bringt, mag man ihm dabei gerne glauben.

Frei fürs Wesentliche

Allein die drei entscheidenden Personen werden an diesem Abend auf der Bühne zu sehen sein, eingekesselt zwischen dem Orchester, das hinter ihnen spielt und dem Publikum. Alle anderen Figuren der Oper treten im Zuschauerraum auf, ohne dass ein Licht auf sie fallen würde. Der Priester Ramfis (Simon Lim) dröhnt gewaltig vom ersten Rang herunter, vom gleichen Ort und nicht minder gewaltig dröhnend singt der Pharao (Ante Jerkunica). Die Chormitglieder sitzen zwischen den Zuschauern, stehen auf, gestikulieren, setzen sich wieder. Bei solcher Nähe und Surround-Effekt, ergibt das einen in der Dringlichkeit umwerfenden Höreindruck. Aida zum Anfassen.

Die Bühne ist damit freigeräumt fürs Wesentliche. Sie sieht auch sonst recht leer aus und lässt Schlimmes befürchten. Bildschirme stehen verstreut umher, aufeinandergestapelt und einzeln, eine Videoleinwand obendrüber, auf der die Vorgänge auf dem Tisch untendrunter übertragen werden.

Eine hochdramatische, verletzlich klirrende Aida

Alte Bücher über Ägypten liegen herum und als Rest von Orient-Romantik eine alte Fotografie mit Pyramiden und Palmen. Der freudlose Bühnenaufbau stellt sich bald als idealer Spielort heraus, wenn von Peter sein großartiges Figurenspiel aufzieht. Radames kommt als hoffnungsloser Träumer ebenso unter die Räder wie Aida als unwirklicher Traumgegenstand. Heldin, weil vor Tatkraft strotzend, ist Amneris, die verzweifelt um die Liebe von Radames kämpft. Dass sie dabei zum Hausdrachen wird gehört zur Vielschichtigkeit, die der Regisseur in dieser Figur entdeckt – und die Anna Smirnova im blaumannblauen Hausfrauenkleid sensationell stark zum Ausdruck bringt. Zwischen Anhänglichkeit und Bösartigkeit wechselt sie, zwischen Verhärtung und Zärtlichkeit. Alfred Kim als zaudernder, vor der eigenen Zerrissenheit kapitulierender Radames ist kein italienisch strahlender Tenor und das passt dabei ebenso gut zum Regiekonzept wie die hochdramatische, verletzlich klirrende Aida von Tatiana Serjan.

Am Ende verabschiedet sich Radames für seinen Aida-Traum vom Leben und wird eingemauert. Ein Kerzchen zündet er an, auch sorgt er für ausreichend Lesestoff. Eine Sterbe-Gemütlichkeit, die wütend macht. Dass er dabei allem Anschein nach im Opernhaus eingemauert wird, ist eine großartige Pointe zum Schluss. Die Oper an sich als Ort fruchtloser Utopie, der schönen Träume, an dem man sich trefflich einmauern kann. Es wird heftig gebuht und heftig gejubelt. Spätestens dieser Tumult machte deutlich, dass von Peter etwas Großartiges gelungen ist.