Berlin - Hopfen und Malz waren an diesem Ort niemals verloren. Auch wenn das Berliner Kindl – 75 Jahre lang wurde es hinter der expressiven Backsteinfassade gebraut – seit 2005 in modernen Weißenseer Kesseln gärt und der alte Bau danach nur eine Geisterbrauerei war. Die Perspektive für das 5500 Quadratmeter große Kindl-Areal Neukölln heißt seit 2011: Umwidmung für die Gegenwartskunst. Im kirchenschiffartigen Kesselhaus wird auf zwei riesigen,  computergenerierten Projektionsflächen das mitleidlose Verfließen der Zeit körperlich spürbar. Man lässt sich in Sitzsäcke plumpsen, und schon beginnt die monumentale Suggestion, die der belgische Medienkünstler David Claerbout angerichtet hat.

Rechts saugt der zeitlupenhafte Rundgang durch das von Werner March entworfene und von Albert Speer nach dem Vorbild des römischen Kolosseums aufgebauschte Berliner Olympiastadion den Blick ein, drückt einem die wirkmächtigen Raster und das dramatische Licht-Schatten-Theater dieser ungeheuerlichen Ebenmäßigkeit von Kalkstein-und Granit-Quadern, Kanten, Lampen, Geländergittern ins Auge. Links spielt der Computer in verzögertem Tempo Details ein: Athleten-Skulpturen in Nazi-Ästhetik, Treppen mit dürrem Laub, Gullideckel, Fetzen von Himmel und Wolken, Gras, Säulen, hinter denen das Tageslicht verschwindet.

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