Berührungen sind nicht gestattet: die Opernproduktion „Die Fleisch“ in der Neuköllner Oper.
Foto: Neuköllner Oper

BerlinSpielzeiteröffnung an der Neuköllner Oper am Sonnabend: Sechzig Personen dürfen nun in den Saal, auf Doppel- oder Einzelsitzen nehmen sie Platz. Auf dem Weg zum Sitzplatz herrscht Mundschutz-Pflicht, um Reinigung der Hände an einer der Desinfektionsstellen am Eingang wird gebeten. Eine passende Inszenierung hat man auch im Repertoire: „Die Fleisch“, eine Adaption der Oper „Ayamé“ des japanischen Komponisten Kosaku Yamada. Im vergangenen Februar hatte die Produktion Premiere. Schon damals dachte sich Bühnenbildnerin Sabrina Rossetto – noch ohne an das Coronavirus denken zu müssen – einen Kubus als Bühne aus, der mit einem Gazevorhang zum Publikum hin abgetrennt ist. Gedacht war der Vorhang als Projektionsfläche für Videoeinspielungen. Heute dient er nicht zuletzt als Schutz für die Zuschauer.

Regisseur Fabian Gerhardt hat in der Inszenierung, die ursprünglich im kleinen Studio-Raum gezeigt wurde, nacharbeiten müssen: Berührungen zwischen den drei Darstellern gibt es nun nicht mehr. Der Mundschutz als allgegenwärtiges Bekleidungsaccessoire wird – wohl eher spielerisch gedacht als notwendig – zuweilen auch von Sängern getragen. Soll dann doch einmal Nähe zwischen Menschen dargestellt werden, so trennt eine Plexiglasscheibe die Darsteller, an die sie sich von zwei Seiten anschmiegen müssen.

Eine erleichternde Feststellung

Niemand kommt hier niemandem so richtig nahe. Distanz ist das herrschende Prinzip. Das wirkliche Leben erscheint gleichsam ungebrochen auf der Bühne, nur ästhetisch geschönt (in einer sehr ambitionierten Inszenierung) und symbolisch verdichtet. Eisberge, die unter milderer Beleuchtung zu Schneehaufen werden, verstärken die frostige Atmosphäre. Ayamé (Yuri Mizobuchi) scheint zu Beginn der gut einstündigen Aufführung gar in einem Eiswürfel eingeschlossen. Wohl eine Metapher für einen eisigen Ehrenkodex: Um die Schulden des verstorbenen Vaters zu begleichen und damit die Familienehre wiederherzustellen, verkauft Ayamé als Geisha ihren Körper.

Kosaku Yamada, der bis 1914 in Berlin bei Max Bruch studierte und als einer der ersten japanische Musik zusammenbrachte mit jener des Westens, fiel hier eine Musik ein, die sich zwischen Puccini und Wagner bewegt, zwischen Debussy und Richard Strauss – so jedenfalls der Eindruck aus Markus Sypereks Bearbeitung für Saxophon, Violoncello und Tasteninstrument. Die Neuköllner Oper macht sich damit zum zweiten Mal nach 2017 (damals „Rette uns, Okichi!“) um den vergessenen japanischen Komponisten mit Berlinbezug verdient, vermag im Arrangement seiner Musik einen bleibenden Eindruck beim Hörer aber kaum zu erzeugen. In den Hintergrund gerät das freilich vor der so schlichten wie erleichternden Feststellung: Es wird wieder gespielt!

Weitere Vorstellungen: 2.,6.,7.,8. (bis 16.) August 2020.

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