Künftige Besucher von „Das Verein“ seien gewarnt: Für die vorderen Reihen braucht man einen guten Magen. Angerichtet wird als Grundlage ein Pfannkuchen, darauf ein guter Klecks Himbeermarmelade, darauf ein gewaltiger Haufen Sprühsahne, dann eine Handvoll zerbröselter Kekse, ein weiterer Haufen Sprühsahne und schließlich nochmal Marmelade obendrauf. Man möchte es sich wohl etwas gewaltsam gut gehen lassen in diesem Stück; oder wie es der Vereinsvorsitzende in Worten schönster deutscher Behaglichkeit ausdrückt: „Jetzt haben wir uns aber erst mal etwas verdient.“ Und daran sollen die Zuschauer teilhaben.

Nur haben die drei Figuren auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt etwa genauso viel zustande gebracht wie die naturgemäß passiven Zuschauer: nahezu nichts. Das „Jetzt haben wir uns was verdient“ bleibt Entschuldigungsfloskel, die den Genuss erlauben soll, wo man sich sonst mit dem Genießen schwertut. Die Notwendigkeit der Entschuldigung ist befremdlich – und damit führt das Stück, das in der vergangenen Woche im Studio der Neuköllner Oper Premiere hatte, mitten hinein in die Beflissenheit der Vereinsmeierei.

Soll man sie traurig finden oder eher komisch? Hier überwiegt eindeutig das Komische, weil das geschäftige Nichtstun, die gewissenhafte Pflege einer Institution ohne Sinn so treffend vor Augen geführt wird.

Drei Personen halten die Jahreshauptversammlung des Vereins „Das Verein“ ab, der mit seinem neutralen Geschlecht für alles und nichts steht. Die Bühne erinnert an einen jener Vereinskeller, die angestrengte Behaglichkeit ausstrahlen: die Rückwand mit Holz verkleidet, weil das ja wärmt, davor ein Rednerpult mit einer beeindruckenden Anzahl an Mikrofonen, auf Tischen Kaffeemaschine, Becher, Kekse, eine Garde Sprühsahnedosen.

Eindrucksvoll ist, wie nun jede sinnvolle Tätigkeit vermieden wird. Thorbjörn Björnsson, gemeinsam mit Annika Stadler Autor des Stückes, beschäftigt sich als Vorsitzender, der sich hier übrigens „Fortsitzender“ nennt, ausgiebig mit der Auspegelung der Mikrofone, kaut gedankenvoll Erdnüsse und organisiert in erstaunlich unangefochtener Autorität seine beiden einzigen Mitglieder: den Kassenwart, gespielt von Jérome Quéron, und die Protokollführerin, gespielt von Vanessa Vromans. Eher selten, dass dieser „Fortsitzende“ so Grundlegendes zu sagen hätte wie in seinem Loblied auf das Vereinsengagement: Diejenigen, die sich ehrenamtlich einbringen, sind doch die wahren Helden! Sie stopfen die Löcher, die jene Egoisten aufreißen, welche sich nicht um die Gemeinschaft kümmerten. Björnsson spielt brillant; er trägt das mit todernster Propheten-Miene vor und kann dabei doch nicht verbergen, dass sich sein eigenes Gutmenschentum nur auf die Pflege einer sinnlosen Institution bezieht. „Das Verein“ entpuppt sich als Zufluchtsort derer, die sich aus Angst vor dem Leben in die Pseudoaktivität stürzen – und das ist, in der Art wie es hier dargestellt wird, entsetzlich komisch.

Nächste Vorstellungen: 27. 2.–2. 3., Neuköllner Oper, Tel.: 68 89 07 77.