Berlin - Das muss eine fette Depression sein, oder sogar eine Psychose: Dieser Stubenhocker ist doch nicht normal. Sein ganzes Leben verbringt er allein in seiner Wohnung, das kann die abenteuerlustige Ursula nicht begreifen. Ihr nächstes Ziel ist der Nordpol, wo minus 35 Grad herrschen und das Navigationsgerät verrückt spielt. Wie kann ein Mensch denn lieber zu Hause bleiben?

Doch der Stubenhocker ist zufrieden mit dem Leben. Er sitzt tagelang in seinem Zimmer und hört: Ein Fenster klappt, jemand dreht sich im Bett um, eine Turbine läuft. Er nimmt alle Geräusche aufmerksam wahr, die den Rhythmus seines ruhigen Alltags bestimmen. Das ist alles, was er braucht: diesen Hinterhof – und sonst nichts.

In der neuen Inszenierung der Neuköllner „Fernweh. Aus dem Leben eines Stubenhockers“ von Matthias Rebstock, Hermann Bohlen und Michael Emanuel Bauer besteht die Bühne besteht aus drei verschieden großen Hörfunkstudios. In zwei engen Boxen mit Fenstern und Mikrofonen werden gleichzeitig ein Reisemagazin und das Hörspiel „Stubenhocker“ produziert, während man in dem größeren Studio Klavierlieder von George Crumb aufnimmt. Langsam verflechten sich die Handlungen aus den drei Studios zu einer absurden Reise. Barbara, die nur noch auf Google Street View Urlaub machen wollte, unternimmt eine Reise in den Körper eines Fremden, mit einem U-Boot. Ursula, die nur Spaß haben wollte, sich in der Welt aber kaum für Fremde interessierte, lernt ihren Studionachbar kennen. Und der sich vor der ganzen Welt ängstigende Stubenhocker lässt sich auf ein Experiment ein.

Ohne Missverständnisse geht das natürlich nicht: Es wird geschrien, gestritten, auch gelacht. So werden die Sätze der japanischen Sängerin Yuka Yanagihara, die im Musikstudio arbeitet, schön schief übersetzt: das Ei – tamago – wird zum Spielzeug Tamagochi, ihr Dank – arigato – zum Alligator.

Genau darum geht es im Stück: wie kann man das Andere, das ganz Andere, das Fremde verstehen? Nur die Musik – darunter das großartige Adagio der Wanderer-Fantasie von Schubert – scheint es zu schaffen. Das Wort bringt nichts als Unverständnis; die Geräusche belegen nichts als Anwesenheit.

Nur die Musik, die auf der Bühne gespielt wird, führt zu einer Art Miteinander. Wenn alle zusammen a cappella singen, um die warme Opernstimme von Yuka Yanagihara zu unterstützen, gibt es weder Spuren von Missverständnis, noch von Angst vor dem Anderen. Die Idee des Stücks − die Musik verbindet oder: suche den anderen und finde dich selbst − die fällt nun wirklich ziemlich banal aus. Aber schön war es doch, weil es auch witzig, unterhaltsam, philosophisch und eben wunderbar musikalisch zuging an diesem Abend.

Fernweh. Aus dem Leben eines Stubenhockers Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131; 30. August bis 2. September; 6. bis 9.September, 20 Uhr, Tel.: 68 89 07 77.