Je südlicher man kommt auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln, desto höher wird die Dichte der Telefonläden und Spielhöllen. Es gibt auch einen Laden namens „Princess“, der Glitzerkleider verkauft. Dann unterquert man die Stadtautobahn, die Karl-Marx-Straße heißt jetzt Buschkrugallee, und von hier ist es nicht mehr weit zu der ruhigen Seitenstraße, in der die „Werkstatt für Veränderung“ der Künstlerin Seraphina Lenz ihr Lager aufgeschlagen hat. Drei Wochen lang sorgt sie hier jedes Jahr für Kunst im öffentlichen Raum in Neukölln, in Form eines performativen Eingriffs, wie sie es nennt. Seit 2002 macht sie das, beauftragt vom Bezirksamt. Neukölln kannte sie damals bereits. Kurz zuvor hatte sie die „Grüne Nacht“ in der Gropiusstadt organisiert. Sie hatte das Misstrauen der Bewohner eines Hochhauses überwunden, sie überredet, ihre Glühbirnen durch grüne Leuchten zu ersetzen. „Ich wollte mit einer alltäglichen Geste eine Verwandlung bewirken“, sagt sie. Im Grunde geht es darum auch in der „Werkstatt für Veränderung“.

Erst war Seraphina Lenz im nahen Wederpark, seit zwei Jahren ist sie auf dem Dach eines ehemaligen Sanitätsbunkers in der Rungiusstraße, das wiederum von einem großen Schirm überdacht wird, dem Weißen Riesen. Ihr Auftrag ist es, diesen Raum zu öffnen, einen Bezug für die Anwohner zur schaffen. In diesem Kiez passiert das nicht von selbst, wie etwa auf dem Tempelhofer Feld.

In dem verblühten Flieder neben der Treppe hinauf zum Bunkerdach hängt eine glitzernde Girlande. An Tischen sitzen 20 Mädchen und malen Kleider. Es sind Entwürfe der Kostüme für die Abschlussrevue nächste Woche. Im Grunde sieht es so aus, als befände man sich in einem Jugendzentrum. „Sozialarbeit, das ist ein beliebter Vorwurf gegen solche Projekte“, sagt Seraphina Lenz. Früher ist sie zusammengezuckt, wenn jemand das angesprochen hat. Aber sie arbeite nun mal nicht mit Profis. „Ich habe gelernt, dass man in diesem Umfeld nicht darum herumkommt, auch soziale Prozesse zu organisieren.“

Auf dem Container mit den Toiletten steht „Ladies“ und „Gents“ in goldenen Buchstaben. Im Container daneben residiert für diese kurze Zeit das Café Glitz, wo man von der gut gelaunten Gül selbst gemachten Bulgur und süßen schwarzen Tee kaufen kann. Seit drei Jahren betreibt sie das Café, wenn Seraphina Lenz kommt. Und auch viele der Kinder und Jugendliche kennt die Künstlerin seit Langem. Aus dem Raum mit dem Kostümfundus kommt ein Mädchen mit einer weißen Perücke. Karl Lagerfeld!

Das Werkstattthema dieses Jahres ist Glamour. Wenn man mit Jugendlichen zu tun hat, liegt das nahe. Celebrities ohne jeden Verdienst sind zu Leitbildern der Jugendkultur geworden. „Bist du berühmt“, fragt die neun Jahre alte Sara die Journalistin. Nein? „Bist du bekannt? Bist du reich?“

Bei der Arbeit an der Show merken die Teilnehmer, dass der glamouröse Auftritt nicht ohne Anstrengung zu haben ist. Darum geht es auch. Unter dem Dach des Weißen Riesen haben Seraphina Lenz und ihre Helfer eine Showtreppe aus Holzpaletten errichtet. Welche Mühe es die Mädchen kostet, im Vierviertel-Takt die Stufen zu nehmen! Sie bringen kaum die Konzentration dafür auf, manchen mangelt es an Körpergefühl, sie wanken, kommen aus dem Tritt. „Man muss sich anstrengen, sich etwas anhören, es noch mal machen“, sagt Seraphina Lenz. Wer sich zeigt, macht sich angreifbar, kann sich aber auch verwandeln. Nächste Woche kommt die Choreographin.

Werkstatt für Veränderung, Rungiusstraße 19, Neukölln. Proben Mo - Sa, 15 - 19 Uhr. Finale mit der Premiere „Glamourriese – Die Show“, Sonnabend, 6. September, 20.30 Uhr