Die Bildhauerin Renee Sintenis im Jahr 1955.
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Neuruppin - Wenn am letzten Tag der Berlinale, am 1. März, die Film-Stars mit silbernen und goldenen Bären belohnt werden, ist da immer auch eine dankbares Nicken in Richtung Neuruppin. Denn die Mutter aller Bären – die Bildhauerin Renée Sintenis (1888 bis 1965) – ist in dem Städtchen im heutigen Landkreis Ostprignitz-Ruppin aufgewachsen.

Und auch eine zweite große deutsche Künstlerin stammt von dort: die Dichterin Eva Strittmatter (1930 bis 2011). Für beide war diese Stadt Heimat und Inspiration, und so feiert Neuruppin in diesem Jahr diese Künstlerinnen und damit sich selbst als Stadt der Frauen.

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Das Festjahr schließt unmittelbar an ein ganz großes Jubiläumsjahr für den bekanntesten Sohn der Stadt an, denn im vergangenen Jahr strahlte Neuruppin im Glanz des Dichters Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag das gesamte Jahr mit vielen Veranstaltungen gefeiert wurde.

Renée Sinteni wird Hauptausstellung des Jahres

Das Ende ist damit auch ein Anfang: Renée Sintenis Bärchen, als Goldener oder Silberner Bär begehrte Trophäe der deutschen und internationalen Wettbewerber, begleitet die Berlinale seit der Gründung 1951. Auch als Porzellan-Figur der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) verschönert es den Alltag vieler Menschen in Deutschland und überall auf der Welt.

Das Museum zeigt vom 21. Juni bis zum 14. September ihre Lebensgeschichte, die schönsten Werke und einen Film, der sie bei der Arbeit beobachtet. „Es wird unsere Hauptausstellung des Jahres“, sagt Museumsleiterin Maja Peers.

Der Berlinale-Bär wurde geschaffen von Renée Sintenis 1951.
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Eine besondere Natürlichkeit prägt den Bären und zeichnet auch die anderen meist kleinen Werke der Künstlerin aus: Rehe, Pferde, Esel, Elefanten und auch Menschen als Sportler. Die Inspiration dazu hat Renée Sintenis in Neuruppin gefunden. Dort lebte sie mit ihren Eltern, der Vater war Jurist, bis zum 15. Lebensjahr. Zuerst in der Bernhard-Brasch-Straße im Hause eines Pferdehändlers. Eine Zeit, die sie für ihr ganzes späteres Leben prägte.

Öffentliche Gedenktafel für Sinteni fehlt in Neuruppin

Maja Peers sagt über das kleine Mädchen Renée, sie sei ein sehr schüchternes Kind gewesen. „In Briefen gibt sie preis, dass es ihr unmöglich gewesen sei, sich vor Menschen zu äußern. Sehr oft besuchte sie die Pferde in den Ställen, schlief dort ganz nah bei den großen Tieren.“ Sie malte auch – vor allem Tiere. Ihre Leidenschaft setzte sie später durch, als sie Bildhauerin wurde, statt wie vom Vater befohlen im Büro zu arbeiten.

Obwohl man in Neuruppin stolz ist auf die berühmte Tochter, fehlt noch immer eine Gedenktafel oder ein Werk von ihr im öffentlichen Raum. 

Eva Strittmatter, die andere große Tochter der Stadt

Der Geburtstag von Eva Strittmatter, der anderen großen Tochter der Stadt, wird bereits am Sonnabend, den 8. Februar ab 14 Uhr, im Kunstkiosk an der Kulturkirche gefeiert. Mario Zetzsche vom städtischen Kulturamt sagt: „Die Dichterin wurde vor neunzig Jahren in der Wohnung ihrer Eltern Alt Ruppiner Allee 81 geboren. Heute befindet sich dort ein Ärztehaus. Seit acht Jahren steht eine Gedenktafel auf dem Platz davor, der nach ihr benannt ist.“

Dichterin Eva Strittmatter. 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

„Eva Strittmatter erinnerte sich gerne an Kindheit und Schulzeit hier und bekannte sich in ihren Werken zu der Stadt“, sagt Karl-Heinz Götz vom Museumsverein. Von dieser Verbindung sprechen viele ihrer Gedichte so wie „Rotdorn meiner Kindertage – Straßenbaum der kleinen Stadt, die ich liebte, die mich liebte, die mich aufgezogen hat“. Das zielt auf Eva Strittmatters Schulzeit ab, in der sie fleißig und begabt war, auch Stipendien erhielt und sogar eine Klasse übersprang.

Als Erwachsene kehrte sie regelmäßig aus ihrem weiter nördlich gelegenen Wohnort Schulzenhof nach Neuruppin zurück. Die Stadt sei wichtig gewesen für sie, sagt Marcel Lepper von der Akademie der Künste, wo Strittmatters Nachlass für die Forschung und Öffentlichkeit erschlossen wird.

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„Für das regionale Gedächtnis spielt Eva Strittmatter eine wichtige Rolle: Neuruppin – Schulzenhof.“ Dabei arbeite ihre Lyrik mit einfachsten Bausteinen, mit Bäumen, Tieren, Tages- und Jahreszeiten. „Dass jeder darin eigene, alltägliche Beobachtungen wiederfinden kann, hat ihren Erfolg begründet.“

Ungewöhnliche Ballung erfolgreicher Künstler

Beide Frauen sollen nun endlich ihren Platz in der Dauerausstellung des Museums bekommen, neben den großen Herren, neben Theodor Fontane und dem preußischer Baumeister Karl Friedrich Schinkel.

Bleibt die Frage: Woher kommt eine solche ungewöhnliche Ballung von erfolgreichem Künstlertum ausgerechnet in diesem ländlichen abgeschiedenen Ort?

„Neuruppin war eine Beamten- und Garnisonsstadt mit damals und heute guten Schulen und Bildungsinstituten“, sagt Karl-Heinz Götz. „Die Lehrer bei uns sind zu allen Zeiten überdurchschnittlich engagiert. Sie erkennen einfach die Talente und Persönlichkeiten.“