Von Amsterdam nach Berlin: Hetty Berg wird Leiterin des Jüdischen Museums Berlin.
Foto:  JMB/Yves Sucksdorff

BerlinIn der Hollandschen Schouwburg, einem ehemaligen Theater in Amsterdam, das zur Zeit der deutschen Besatzung als Sammellager für jüdische Gefangene diente, bevor sie in die Lager Westerbork oder Herzogenbusch deportiert wurden, ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die sich den verschiedenen Möglichkeiten einer Darstellung des Holocaust widmet. In einem kurzen Film kommen überlebende Zeitzeugen zu Wort, ein anderer Teil der Ausstellung stellt den Schrecken der Lager in Form statisch-nüchterner Fotos vor, die schon die Architektur der Lager als Instrument einer Vernichtungsmaschinerie zeigen.

Wenn die Schau „Blik op de Holocaust“ im Mai 2020 endet, hat Hetty Berg, die Chefkuratorin des Jüdischen Kulturviertels in Amsterdam, zu dem neben dem Jüdischen Historischen Museum auch das Kindermuseum, die Portugiesische Synagoge, das Nationale Holocaust-Museum sowie die Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg gehören, bereits eine Berliner Adresse. Vom 1. April 2020 an wird die 58-jährige niederländische Kulturmanagerin die Leitung des Jüdischen Museums in Berlin übernehmen, das im Sommer in eine handfeste Führungskrise geraten war.

Eine Schwingung zuviel

Auslöser für den Rücktritt des amtierenden Direktors des Hauses, des Judaisten Peter Schäfer, war dabei eine kurze Leseempfehlung aus dem Pressebüro des Jüdischen Museums per Twitter, in der auf einen Text der israelkritischen Boykottbewegung BDS hingewiesen worden war. Der Verdacht, dass die Absenderin der Nachricht womöglich mit dem umstrittenen, vom Deutschen Bundestag als antisemitisch eingestuften BDS sympathisiere, war vielen Kritikern des Museums eine Schwingung zuviel.

Der Streit um das Selbstverständnis des Jüdischen Museums, in dessen Verlauf sich sogar der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit einer Kritik an der Berliner Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ eingemischt hatte, war politisch extrem aufgeladen. Zur Beschwichtigung der Lage beorderte Kulturstaatsministerin Monika Grütters schließlich den erfahrenen Museumsmann und Politiker Christoph Stölzl als Schlichter und Interimsleiter in die Kreuzberger Lindenstraße.

Überraschend schnelle Personalentscheidung

Die Politik der ruhigen Hand scheint geglückt, denn mit der am Dienstag einstimmig getroffenen Entscheidung für Hetty Berg zeigten sich auch jene zufrieden, die zuvor heftig gegen das Erscheinungsbild des Jüdischen Museums interveniert hatten. Allen voran Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, der unter anderem die Frage aufgeworfen hatte, ob ein jüdisches Museum nicht zwingend auch von einer Person jüdischen Glaubens geleitet werden müsse.

Wir gehen davon aus, dass sie die Tradition anspruchsvoller Ausstellungen im Jüdischen Museum Berlin (JMB) fortsetzen und zugleich Empathie für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und Israel aufbringen wird.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden

Schuster, der auch Mitglied im Stiftungsrat des Jüdischen Museums ist, begrüßte die Wahl am Dienstag nun ausdrücklich. Mit Hetty Berg sei  eine Person gefunden worden, die sowohl eine hohe Qualifikation als Museumsmanagerin als auch als Kuratorin von Ausstellungen mitbringe. „Wir gehen davon aus, dass sie die Tradition anspruchsvoller Ausstellungen im Jüdischen Museum Berlin (JMB) fortsetzen und zugleich Empathie für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und Israel aufbringen wird“, so Schuster in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Dass nach einer ziemlich verfahrenen Situation nun ein Neustart möglich scheint, ist nicht zuletzt auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters zuzuschreiben, der es in den letzten Wochen gelungen ist, die Personalentscheidung geräuschlos und überraschend schnell voranzutreiben. 

Inhaltliche Eigenständigkeit

Der kulturpolitischen Entspannungsdiplomatie wird nun aber auch eine inhaltliche Konsolidierung für die attraktive Berliner Ausstellungs- und Forschungseinrichtung folgen müssen. Im Streit um den Rückzug von Peter Schäfer, der nach seiner Demission im Juni umgehend die Rückendeckung von zahlreichen Fachkollegen aus aller Welt erhalten hatte, ging es nicht zuletzt auch um die inhaltliche Eigenständigkeit der Museumseinrichtung, die zuletzt spürbar in das Minenfeld politischer Interessen geraten war.

So musste sich Schäfer insbesondere seitens der israelischen Regierung den Vorwurf machen lassen, im März 2019 einen Vertreter des Kulturrats der Islamischen Republik Iran empfangen zu haben. Die Ausstellungsmacherin Hetty Berg, die mit dem Fotografen Frédéric Brenner liiert ist, dessen Arbeiten auch in der Sammlung des JMB vertreten sind, wird ihre programmatische Eigenständigkeit unter Beweis stellen müssen, ohne sich dabei der politischen Dynamik zu entziehen, die die Darstellung von Geschichte und Religion, aber auch des Alltags des jüdischen Lebens verlangt.