New York - Gentrifizierung: Zweitausend Dollar für ein Zimmer

Die meisten Occupy-Bewegten in Manhattan waren wohl zu jung, um sich an 1988 erinnern zu können, doch für ältere New Yorker war es ein Déjà-vu-Erlebnis, als am 15. November vergangenen Jahres das Zeltlager im Zuccotti Park von der New Yorker Polizei geräumt wurde. Hundertschaften von Polizisten mit Schlagknüppeln, die im Schutz der Nacht ein Zeltlager in einem New Yorker Park abreißen, das hatte man schon einmal erlebt.

Damals war New York noch eine Hochburg der Gegen- und Subkultur mit dem East Village als Zentrum. Basquiat und Keith Haring lebten dort, Alan Ginsberg und Lou Reed. Die politisierte Homo-Szene organisierte dort ihren Protest dagegen, dass die Regierung die Aids-Krise ignorierte, die Ramones und Blondie erfanden den US-Punk. Auf der Straße und in den Clubs wurden sexuelle Identitäten aller Art ausprobiert.

Es war ein Ort der sozialen Experimente und eines davon war, wie im vergangenen Jahr der Zuccotti Park, der Tompkins Square. Dort hatten Obdachlose in Symbiose mit den Hippies und Punks des Viertels unbehelligt ihr Lager aufgeschlagen. Die umliegenden Restaurants sammelten Essensreste für sie, sogar Duschen wurden aufgestellt. Natürlich gab es auch reichlich Drogen und Sex im Tompkins Square. So lange jedenfalls bis die Truppen von Bürgermeister Koch anrückten.

Die Räumung des Tompkins Square Park war der Startschuss für die Gentrifizierung des East Village und in der Folge von ganz Manhattan. Die Mieten in den umliegenden Brownstones haben sich seitdem mindestens verfünffacht, für ein Ein-Zimmer Studio bezahlt man rund 2000 Dollar. Wo früher ukrainische Arbeiterkneipen standen sind jetzt französische Brunch-Bistros. Im Park gibt es einen großen Spielplatz und einen Auslauf für Hunde, der täglich frisch mit Rindenmulch bestreut wird und wenn im Sommer hier Open-Air-Konzerte stattfinden, kontrollieren private Sicherheitsfirmen am Parkeingang, ob die Besucher Alkohol im Rucksack haben.

Der Park gehört Herrn Zuccotti

Die Sicherheitsleute werden von einer Organisation namens East Village Park Conservancy bezahlt. Es ist eine Vereinigung der anliegenden Geschäftsleute und Immobilienbesitzer, die sich darum kümmern, dass der Park ordentlich und ruhig bleibt und sich nicht wieder Drogen, Krach oder gar Obdachlose einschleichen. Die Vereinigung wurde 1995 gegründet, vier Jahre nach der endgültigen Säuberung durch die Polizei. Ihr Zweck ist ganz klar, den Wert ihrer Geschäfte zu erhalten.

Im Zuccotti Park ist die Lage etwas anders. Der Park entstand wie viele öffentliche Räume im Business-Zentrum New Yorks als Bauauflage für ein Hochhaus. Im Gegenzug dafür, dass ein Bürogebäude eine bestimmte Höhe überschreiten darf, müssen Bauherren öffentlichen Raum schaffen und pflegen – ein Feigenblatt der Bürgergesinnung. So gehört der Park Herrn John Zuccotti, dem Inhaber der Immobilienfirma Brookfield Office Properties. Trotz dieser Detailunterschiede tritt in der Räumung der beiden Parks jedoch eine gemeinsame Dynamik zutage, die Occupy bloßgelegt hat. In New York herrscht eine enge Verschränkung zwischen Geschäftsinteresse und Politik, so eng, dass die Staatsgewalt sich im Zweifel schamlos vor den Karren vorgenannter Interessen spannen lässt.

Gemeinsam bestimmen sie, wozu öffentlicher Raum genutzt werden darf und wozu eben nicht. Alles, was nicht dem reibungslosen Ablauf der Geschäfte dient und was die Profitmarge umliegender Immobilien mindert, ist unerwünscht; selbst wenn es wie im Zuccotti Park und weiland am Tompkins Square das aristotelische Ideal des öffentlichen Raums als Brutstätte der Demokratie anstrebt. Dabei lässt die Marketingabteilung der Stadt ansonsten keine Gelegenheit aus, sich damit zu brüsten, wie pluralistisch, tolerant und bunt New York doch sei.

Diese Allianz von Politik, Polizei und Kapital ist der Haupt-Treiber der Gentrifizierung in New York. Bürgermeister Bloomberg versucht erst gar nicht, daraus einen Hehl zu machen. Seine Aussage, dass Manhattan nun einmal ein Luxusprodukt sei, und dass, wer es sich nicht leisten könne, eben fortbleiben solle, ist mittlerweile Legende. In anderen Städten ist die Gentrifizierung ein möglicherweise unaufhaltsamer sozio-ökonomischer Prozess. In New York ist er offizielle Politik.

Die vereinten Aufräumarbeiten von Kapital und Staat haben in New York zweifellos ihre Wurzeln im urbanen Verfall der 70er- und 80er-Jahre. Um den Niedergang umzukehren sollte die gut verdienende steuerzahlende Mittelschicht, die in den 50er- und 60er- Jahren geflohen war, aus den Vororten wieder in den Stadtkern gelockt werden. Die Taktik dazu perfektionierte Bürgermeister Giuliani, der die Null-Toleranz Politik und sogenannte „Lebensqualität“-Verbrechen erfand. Die Obdachlosen wurden aus dem Straßenbild verscheucht, öffentliches Trinken und Urinieren wurde hart bestraft, Graffiti wurde verboten und schon der Besitz kleiner Mengen von Marihuana reichte, um im Gefängnis zu landen. Für so etwas wie den alten Tompkins Square war kein Platz mehr.

Auf Dauer waren alle diese Polizeiaktivitäten für die Stadt allein jedoch zu teuer. Deshalb zog Giuliani die Geschäftswelt mit ins Boot, in deren Interesse er ja handelte. In praktisch jedem der neuen, gesäuberten Bezirke entstanden Gebilde, die sich „BID“ nannten oder „Business Improvement District.“ Das sind Zusammenschlüsse der Firmen und Geschäfte eines Viertels zur Förderung des Kommerzes. Im Gegenzug zu massiven Steuererleichterung planten sie nicht nur die sogenannte Revitalisierung der Gegend, sondern übernahmen auch die Verantwortung für Sauberkeit und Ordnung. Die Polizeiarbeit zur Bekämpfung der „Lebensqualitätsverbrechen“ wurde ebenso privatisiert wie die Städteplanung.

Seither bestimmen die Geschäftsinhaber, wie öffentlicher Raum in New York genutzt werden darf. So wurde der Times Square vom Straßenstrich und Drogenumschlagplatz zum Ausflugsziel für Familien aus dem Mittleren Westen. Straßenmusikanten und Straßenverkäufer brauchen nun überall Lizenzen, geraucht werden darf praktisch nirgendwo mehr in der Stadt. In Bars darf nicht einmal mehr getanzt werden, wenn der Besitzer nicht explizit ein Tanzetablissement angemeldet hat.

Große Ketten verdrängen Familienbetriebe

Familienbetriebe, die jahrzehntelang in den Vierteln ansässig waren, verschwanden zunehmend aus dem Stadtbild. Sie können sich die teure Mitgliedschaft in den BIDs nicht leisten, die ja Mittel für die Polizei und Säuberungsarbeit brauchen. An ihre Stelle traten immer mehr globale Ketten, die heute den Einzelhandel von New York beherrschen.

Wie groß der Einfluss der BIDs ist, wurde zuletzt beim Streit um die Bebauung von Ground Zero deutlich. Selbst Michael Bloomberg, der der Finanz- und der Immobilienbranche nahe steht, meldete nach dem 11. September Zweifel an, ob die Stadt am Südzipfel Manhattans Millionen von Quadratmetern neuer Bürofläche brauche. Bezahlbarer Wohnraum, meinte Bloomberg, sei dringlicher.

Die Lower Manhattan Development Corporation, der BID des Viertels, mehrheitlich unter Kontrolle von Wall-Street-Firmen, wollte jedoch von Anfang an Büros, aus denen sich ein wesentlich größerer Profit schlagen lässt. Die LMDC machte beim Gouverneur ihren Einfluss geltend, der Bürgermeister wurde übertrumpft. Stimmen, die glaubten, man solle den Block im Gedenken an den 11. September, überhaupt nicht neu bebauen oder zumindest nicht kommerziell nutzen, wurden von Anfang an erstickt.

So wird New York heute durch und durch von Geschäftsinteressen regiert. Der Charakter der Stadt ist dementsprechend. Manhattan ist bis in den letzten Winkel durchgentrifiziert. Die Mieten kann sich nur noch leisten, wer mindestens ein sechsstelliges Jahressalär verdient. Sicher, den Verfall der 70er-Jahre wünscht sich niemand zurück. Aber der Preis für die Aufwertung von Manhattan war extrem – in Dollar wie im Verlust bürgerlicher Freiheiten sowie im Verschwinden authentisch gewachsener Viertel.

Die Bezirke der Stadt haben sich in Marken verwandelt. Das East Village etwa sieht oberflächlich kaum anders aus als in den 80er-Jahren. Doch die „Boheme“- Erfahrung ist ein vermarktbares Produkt geworden, das sich nur noch junge Bankangestellte und die sogenannten „Trust Fund Kids“ leisten können. Den Punk-Outfit kann man sich nun für viel Geld in der Boutique kaufen. Die wahre Boheme lebt nun in der Bronx oder in Jersey City.

Die Boheme ist längst weg

Die unteren Einkommensschichten sind weit an den Rand gedrängt worden. Sie pendeln morgens aus den letzten Ecken von Queens und Brooklyn in die Stadt, um ihre Dienstbotentätigkeiten zu versehen und verschwinden dann wieder. Und mit ihnen auch die ethnische Vielfalt einer Stadt, die sich immer noch als „Schmelztiegel“ bezeichnet. In Wirklichkeit ist New York jedoch eine der am meisten rassisch sortierten und ghettoisierten Städte der USA.

So nähert sich New York heute rasend schnell der Dystopie an, die Rem Kohlhaas in seinem Aufsatz über die „generische Stadt“ 1994 entwarf. Sie ist in weiten Teilen nur noch ein Simulakrum ihrer selbst. Die verordneten Neonschriftzüge an den Times-Square-Fassaden, die Firmen wie Toshiba und Ernst & Young bewerben, sollen eine vage Ahnung vom aufregenden Theater- und Amüsierbetrieb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermitteln. In Wirklichkeit markieren sie jedoch nur dessen Abwesenheit. Zu erleben gibt es nur noch das, was die Firmen, denen die BIDs gehören, vorgeben. Alles, was einst urbane Erfahrung ausgemacht hat, das Überraschende, das andere, das Gefährliche, ist hingegen domestiziert oder verboten.

Occupy hat versucht es in die Straßen New Yorks zurückzutragen und viele New Yorker waren dafür dankbar. Am Tag nach der Räumung von Zuccotti Park marschierten Zehntausende mit den Okkupisten. Der am häufigsten gehörte Schlachtruf war der Dialog-Gesang: „Who’s Streets?“. „Our Streets!“ Der Ruf hallte gespenstisch von den eisigen Glasfassaden auf die Straße zurück, hinter denen das eine Prozent stumm seinen Geschäften nachging.