Vor wenigen Tagen meldete sich die New York Times mit einer guten Nachricht in eigener Sache zu Wort: Das vor zwei Jahren gestartete Modell einer Online-Bezahlschranke sei erfolgreicher als zunächst erhofft. Dieser Erfolg habe dazu geführt, dass die Zeitung nun im Internet über mehr als 640 000 zahlende Abonnenten verfüge und nun insgesamt mehr Geld durch Abos und Kioskverkauf einnehme als durch Werbung: 781 Millionen Dollar der Einnahmen kommen von Lesern und 700 Millionen von Anzeigenkunden.

Es war eine Erfolgsmeldung auf dem Weg zur Unabhängigkeit von sinkenden Anzeigeneinnahmen, die die Zeitungsbranche in die Krise stürzten. Bevor das Internet aufkam, konnten Zeitungen dagegen mit einiger Sicherheit davon ausgehen und kalkulieren, dass zwei Drittel ihrer Erlöse aus Anzeigen kommen. Diese Zeiten sind vorbei, deshalb nahmen Brancheninsider die Entwicklung bei der New York Times mit großen Hoffnungen auf. Während die Einnahmen aus dem Zeitungsverkauf um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen, fielen die Erlöse aus Anzeigen lediglich um mehr als sieben Prozent.

Aber auch das reicht offenbar nicht, um die Zeitung langfristig zu sichern und ihr Investitionen zu ermöglichen. Um Leser zu halten, bietet die Times ihre Online-Abos zum Teil für einen Bruchteil der gedruckten Zeitungsausgabe und weit unter den normalen Online-Bezugsbedingungen an.

Die fetten Jahre sind vorbei

Die New York Times befindet sich im Umbruch. Mehrere erfahrene leitende Redakteure haben im Dezember eine Abfindung akzeptiert und die Redaktion verlassen. Der Verlag hat Zug um Zug kleinere Zeitungen und andere Beteiligungen verkauft, darunter den Online-Dienst About.com sowie vor einem Jahr 16 regionale Zeitungen im Süden des Landes. Die Wissens-Plattform About.com brachte der Times im August 300 Millionen ein; die Zeitungen erlösten mehr als 140 Millionen Dollar. Eine 18-prozentige Beteiligung am Baseball-Team der Boston Red Sox, das sie 2002 für 75 Millionen Dollar kaufte, erbrachte 180 Millionen und damit großen Gewinn. So viel Geld ist mit Zeitungen nicht mehr zu machen.

Die Times behielt nur den Boston Globe und dessen Regionalzeitungen im Norden des Landes. Nun stehen auch diese Blätter zum Verkauf, wie die Times am Mittwoch bekannt gab. Sie sucht Käufer für den Boston Globe und dessen Website BostonGlobe.com, für Boston.com und für die Worcester Telegram & Gazette sowie für den Direktvermarkter Globe Direct. Verlagschef Mark Thompson preist die Zeitungen als „herausragend“ an. Mit dem Gewinn aus einer Auktion wolle man Erhalt und das digitale Wachstum der New York Times finanzieren, hieß es in einem Verlagsstatement. Der Verkauf beweise, dass man an den Journalismus der New York Times glaube.

Es ist der zweite Versuch für einen Verkauf der Traditionszeitung. Der erste war 2009 gescheitert. Damals liefen die Verhandlungen über Monate. Zwei Zahlen machen deutlich, warum der Versuch scheiterte: Im Jahr 1993 kaufte die Times den Boston Globe für den stolzen Preis von 1,1 Milliarden Dollar. Nie wieder waren Zeitungen so teuer. Der damalige Kaufpreis entspreche inflationsbereinigt sogar 1,8 Milliarden Dollar, rechnet das Fachblatt Columbia Journalism Review vor. 16 Jahre später winkte der Times nur ein Erlös von 35 Millionen Dollar. Das hätte einen Verlust von fast 97 Prozent in nicht mal 20 Jahren bedeutet. Das war zu wenig Geld und zu viel Verlust. Die Times brach die Verhandlungen ab.

Ungeliebter Kredit

Fraglich ist, ob ihr diesmal mehr geboten wird. Die Auflage beträgt werktags nur mehr 230 000 Exemplare; 2002 waren es noch fast 440 000. Im Gegensatz zur New York Times finanziere sich der Boston Globe nach wie vor in erster Linie aus Anzeigen, berichtet der Finanznachrichtendienst Bloomberg. Leser erbringen 155 Millionen Dollar und Anzeigen 183 Millionen. Die Erlöse aus dem Zeitungsverkauf seien 2012 um fast zwei Prozent gefallen; die Zahl der Abonnenten der Website legte gegenüber September um acht Prozent zu, sie verfügt nun über rund 28 000 zahlende Leser.

Die Ankündigung bedeutet, dass die Times auf fremdes Geld verzichten will. Anders als bei einem Kredit ihres Teilhabers, des mexikanischen Unternehmers Carlos Slim: 2008 gab er dem Verlag 250 Millionen Dollar. Doch wegen des hohen Zinssatzes war es ein ungeliebter Kredit, der unter Redakteuren und Lesern wegen befürchteter redaktioneller Einflussnahme umstritten war. Statt wie vereinbart 2015 tilgte die Times den Kredit bereits im Sommer 2011 und sparte damit jährlich 39 Millionen Dollar an Zinsen. Das ist mehr, als der Boston Globe 2009 erbracht hätte. Werden es diesmal mehr? Die Times scheint unsicher und betont vorsichtshalber, der Verkauf sei eine Frage des Preises und keinesfalls sicher. Gelingt der Times der zweite Versuch, gehören dem Verlag nur mehr die New York Times und die International Herald Tribune, die als ihre internationale Ausgabe gilt.