Weihnachten wird gefeiert, weil am 25. Dezember Jesus Christus geboren sein soll, der verheißene Messias, der Retter der Menschheit. Ohne ihn wäre sie verdammt. Er opferte sich – Opfer muss sein – , damit der sündigen Menschheit – so sie denn an ihn glaubt und von ihm für erlösungsfähig angesehen wird – die Qualen der Hölle erspart bleiben. So oder so ähnlich – es variiert sehr je nach konfessioneller Nuance – wird uns der christliche Glaube gelehrt.
Die New York Times berichtet jetzt von amerikanischen Atheisten, die offenbar gerne feiern und sich den Feiertag nicht nehmen lassen wollen. Sie verschicken Grußkarten, beschenken einander. Sie tun es – sehr rücksichtsvoll sind diese Atheisten – dann, wenn alle anderen es auch tun. Sie feiern auch eine Geburt, aber nicht die des Zimmermannsohnes in Bethlehem. Sie feiern die Geburt von Sir Isaac Newton. Des Herrn also, der am 25 Dezember 1642 geboren als das Christkind der Aufklärung bezeichnet werden könnte, wenn er nicht so sehr als deren Herr und Meister im Bewusstsein der wissenschaftlichen Welt stünde.
Seit dreißig Jahren, so weiß die New York Times zu berichten, verschickt Michael E. Marotta – ich weiß, man soll keine Namenswitze machen – „Newtonmas cards“. Also Glückwunschkarten, auf denen Newton und Christmas eine glückliche Verbindung eingehen.
Nein, nein, das stimmt natürlich nicht. Die Karten feiern Wissenschaft und Vernunft. Und sonst gar nichts. Der christliche Glaube spielt auf ihnen keine Rolle. Die Verbindung findet nur im Wort statt. Newtonmas.
Das zeigt wieder einmal, wie eng auch die Kritik noch am Kritisierten hängt. Sie tut das allerdings hier – wie so oft – weniger weil sie sich nicht lösen kann, als vielmehr, weil sie sich nicht lösen will. Der Reiz dieser Art kritischer Übung besteht gerade darin, die Differenz auf einen einzigen Punkt zu reduzieren. Sie treibt dieses parodistische Element manchmal sehr weit. Der Direktor der Skeptics Society etwa meint: „In den neunziger habe ich mit der Sache mehr aus Jux angefangen. Es war ein Weg unsere Produkte zu verkaufen. Als die Leute dann fanden, das seien keine richtigen Christmas-Partys, da habe ich sie umbenannt in ’Newtonmas’“.
Welche Produkte sind das? Broschüren wie „Warum glauben die Leute verrücktes Zeug?“ Hier wird nicht nur die christliche Heilsbotschaft parodiert sondern auch ihre kommerzielle Ausprägung. Datum, Anlass, Liturgie – wenn man so sagen darf – alles gleich. Der einzige Unterschied: Bei Jesus geht es um Glauben, bei Newton um Vernunft..
Historisch tut man damit freilich dem tief gläubigen und ständig in theologische Streitfragen verwickelten Isaac Newton Unrecht. Der den meisten nur als Ökonom bekannte John Maynard Keynes – er war ein großer Sammler der alchemistischen Schriften Sir Isaac Newtons – kannte den Meister besser: Newton war, so Keynes, weniger der erste Rationalist, als vielmehr der letzte Magier.
Wer es ein wenig spitzer, witziger, prvokanter liebt, der kann die Feier von Christi Geburt auch durch die von Julien Offray de La Mettrie, geboren am 25. Dezember 1709, ersetzen. La Mettrie lebte unter dem sehr zweifelhaften Schutz Friedrichs II. in Potsdam. Er starb dort nach dem Genuss einer (vergifteten?) Pastete. Der Mann, der keinen Gott kannte, betrachtete den Menschen mal als Pflanze und mal als Maschine. Sein letztes Werk trug den Titel: „Die Kunst Wollust zu empfinden.“