Die Nachtigall bei der Ausübung ihrer Kunst
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BerlinNeben vielem anderen darf sich Roger Waters, der Gründer der britischen Band Pink Floyd, rühmen, Tierklänge im Pop berühmt gemacht zu haben. Auf dem Album „Ummagumma“ von 1969 beginnt das Stück „Grantchester Meadows“ mit lieblichem Vogelgezwitscher, und es endet mit dem Gebrumme einer Stubenfliege, die, so legen es die Soundeffekte nahe, mit einer Zeitung erschlagen wird. Als Schüler fanden wir so etwas damals lustig.

Der Musiker David Rothenberg  ist in einem buchstäblichen Sinn anders unterwegs. Wenn er mit seiner Klarinette nachts durch Berliner Parks zieht, sucht er eine Form der musikalischen Kommunikation. Insbesondere Nachtigallen haben es ihm angetan, und Berlin ist die Hauptstadt dieser Jazzer unter den Singvögeln. In keiner Stadt gibt es so viele Artgenossen wie hier. Regelmäßig Anfang Mai kehren sie aus südlichen Gefilden zurück, oft in denselben Park, auf denselben Ast, den sie im Herbst zuvor verlassen haben.

Aus der Marotte mit den ungewöhnlichen musikalischen Partnern erwuchs für Rothenberg irgendwann der Drang, noch mehr über diese in Erfahrung zu bringen. Also begann er zu lesen und suchte den Austausch zu Wissenschaftlern, die sich ebenfalls der Vielfalt der natürlichen Klänge verschrieben haben.

Der Essay „Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound“ der Rothenberg durch die Hasenheide, den Viktoriapark, den Treptower Park, aber auch ans Gleisdreieck geführt hat, kann als eine Philosophie der Tierlaute gelesen werden. Als Musiker fühlt er sich mit seiner Klarinette in das nächtliche Pfeifen und Geklacke ein, erwidert, eilt voraus, hält inne und ahmt nach (nachzuhören auf: www.nightingalesinberlin.com). Darüber hinaus eröffnet der gewitzte Erzähler David Rothenberg vielfältige Wege des Wissens zum Verständnis einer Klangwelt, die man insbesondere in der Großstadt allzu leicht überhört und oft nur als Grundrauschen wahrnimmt.

Rothenberg vertritt nicht die eine, reine tierethisch korrekte Lehre. Mit einer Berliner Nachtigallenforscherin vom Max-Planck-Institut gerät er in einen handfesten Streit, weil diese die Ansicht vertritt, dass er die fragliche Nachtigall für jegliche weitere Forschung verdorben habe, indem er die Stimme des Vogels aufnahm und diesen mit dem eigenen Klangerzeugnis konfrontierte. Rothenberg ist viel zu kauzig, um aus dieser Szene als unbelehrbarer Dogmatiker herauszugehen. Er sieht sein Vergehen ein und gerät so schließlich in den Genuss der von der Forscherin graphisch dargestellten Übersetzungen der Aufnahmen in farbige Diagramme. Nachtigallen sind Künstler, und die Arten, sie zu beobachten, eine jeweils faszinierende Wissenschaft für sich.

David Rothenberg: Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound. Rowohlt-Verlag, 254 Seiten, 26 Euro