Das Schild zur Mohrenstraße, Ecke Friedrichstraße. 
Foto: dpa/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild

BerlinMohrenstraße. Das Wort fällt nicht einmal während der Sonderführung, zu der der Verein Berlin Postkolonial am Donnerstag eingeladen hat. Wenn Mnyaka Sururu Mboro und Christian Kopp von dieser Straße sprechen, dann sagen sie „M-Straße“. Seit 15 Jahren setzt sich ihr Verein für deren Umbenennung ein. Anton-Wilhelm-Amo-Straße soll sie heißen, wenn es nach ihnen geht, dem Historiker Kopp und dem Lehrer Mboro aus Tansania, der seit 30 Jahren in Berlin lebt.

Der aus dem heutigen Ghana stammende Anton Wilhelm Amo (1703–1759) war im Kindesalter als Sklave über Amsterdam an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel gekommen, war dort „Kammermohr“, durfte Philosophie unter anderem in Halle studieren, unterrichtete an mehreren Universitäten. Ein Professor dichtete Spottgedichte auf ihn, es wird nicht die einzige Form von Rassismus gewesen sein, der er ausgesetzt war. 1747 ging Amo zurück nach Afrika.

Am Eingang zum U-Bahnhof hat jemand schon das neue Straßenschild mit dem Namen Amo angeklebt. Mit den Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Berlin, der hohen gesellschaftlichen Sensibilität für das Thema Rassismus in diesen Tagen und seit dem Vorstoß der BVG, den U-Bahnhof in Glinkastraße umzubenennen, ist Bewegung in die Sache geraten.

Die SPD Mitte schließt sich am Donnerstag der Forderung von Berlin Postkolonial an. Mit „Gegen Rassismus in unserem Stadtbild – Umbenennung der M-Straße jetzt!“ ist die Pressemitteilung überschrieben. Die Berliner Grünen haben am Mittwoch der BVG per Brief für ihre Bereitschaft gedankt, den U-Bahnhof umzubenennen, gleichzeitig aber klargemacht, dass ein U-Bahnhof Glinkastraße keine Lösung sein kann. Nicht nur wegen der Judenfeindlichkeit des russischen Komponisten. Die Grünen sprechen sich nicht eindeutig für Amo aus, unterstreichen aber, dass die Benennung nach ihm den Vorteil hätte, die koloniale Geschichte des Ortes nicht zu tilgen, sondern sie zugunsten der Opfer des Kolonialismus umzukehren.

Dem Argument, der Begriff „Mohr“ sei nie herabsetzend gewesen, die Benennung der Straße vor 300 Jahren sei ein Zeichen der Anerkennung vor diesen anders aussehenden, die neu in Berlin waren, hält Christian Kopp entgegen, dass es an eine Zeit gemahne, in der schwarze Menschen versklavt worden seien, an die Zeit des Kolonialismus. Dass Amo selbst in seiner ersten Disputation, einer Art von wissenschaftlichem Streitgespräch „Von der Rechtsstellung der Mohren in Europa“ den Begriff benutzte, sieht Kopp nicht als Beweis für dessen Ehrenwertigkeit. Es sei der einzige Begriff gewesen, der damals für diese Menschen existierte in Europa. „Und es gab zu der Zeit keine politischen Aktivisten, die forderten, stattdessen Afrikaner zu sagen.“

Kopp zieht ein Emailleschild aus dem Rucksack, das drei schwarze Kinder in Pluderhosen und bunten Turbanen zeigt, die auf goldenen Tabletts Schokolade heranreichen: Sarotti-Mohren. Schwarze, minderjährige Diener, die alle gleich aussehen und ein Produkt aus dem globalen Süden servieren, den einstigen Kolonien. So kann man das auch sehen. Kopp argumentiert, dass schwarze Menschen einst auch das N-Wort für sich benutzt hätten, bis sie es als Fremdbezeichnung zurückwiesen, die sie auf Stereotype reduziert. Wer wüsste nicht, dass sich ein Wort von seiner einstigen Bedeutung ablösen, sich wandeln kann. Mboro fasst die Haltung des Vereins hinsichtlich der „M-Straße“ in einen kurzen Satz: „Der Name ist unerträglich.“

Die Stadtführung von Berlin Postkolonial ist augenöffnend. Um nur eine Station zu nennen: das Ermeler-Haus am Märkischen Ufer, das einst in der Breiten Straße stand. Das Fries über dem Eingang ist ein Beleg für Berlins mit den Kolonien verbundene Geschichte, die nicht nur auf den Zeitraum zwischen Afrikakonferenz und Ende des Ersten Weltkriegs begrenzt ist. Ermeler war Tabakfabrikant, hinter dem Palais, das er 1824 erwarb, war seine Fabrik. Auf dem Fries sind halbnackte Sklaven bei der Tabakernte zu sehen, ein bekleideter Weißer schaut ihnen gemütlich an einen Ballen gelehnt zu. Ein Segelschiff wartet darauf, beladen zu werden. Am Horizont die Türme des Deutschen und Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt.