Die Kesselhalle des einstigen Heizkraftwerks Friedrichshain
Foto: Singuhr-Hörgalerie/Roman März

BerlinDie Industriearchitektur des Berghains ist ein Ereignis für sich. Die seit 24 Jahren bestehende Singuhr-Hörgalerie hat hier die Kesselhalle des historischen Heizkraftwerks gemietet. In den Mauern des mächtigen Industriedenkmals befindet sich seit 2004 der weltberühmte Technoclub. Seit der Corona-Sperre aber ist hier nichts mehr mit Tanztempel und Treffpunkt für queere Lebensart.

Ab heute steht vor dem Tor ein Publikum, das nur zum Hören gekommen ist. Das Künstlerduo Sam Auinger und Hannes Strobl (formiert unter den Namen tamtam) hat hier die Rauminstallation „Eleven Songs“ komponiert. In der gewaltigen Halle mit ihren 20 Meter hohen Pfeilern und von der Decke herabragenden Kohleschütten sind 24 unsichtbare Lautsprecher montiert. Die Klangstrukturen hängen und verfangen sich wie feine Staubfäden im Raum, treffen auf das Kolossale der Bauart, verwandeln sich in fast schon körperlich wahrnehmbare Kraftpakete, suchen Harmonien, um dann wieder in Dissonanzen zu kippen und sich abermals in Wohlklang zu verwandeln.

Der Singuhr-Hörgalerie-Gründer und Kurator Carsten Seiffarth nutzt die winzigen Pausen zwischen den über zwei Wochen extra für diese Halle komponierten „Songs“, um zu erzählen, wer die beiden Klangkünstler sind: Auinger ist bekannt dafür, den Klang der Großstadt einzufangen und der Architektur anzuverwandeln. Sein Kollege Hannes Strobl erweist sich als Meister am Bass und Kontrabass. Zusammen verzaubern sie das martialische Industriedenkmal mit ungewöhnlichen Klängen. Die Hörer, immer nur 50 dürfen es sein, können über die Metalltreppe auch nach oben, auf die zweite Ebene. Da klingt es wieder anders. Man vernimmt Klänge von zärtlicher Brutalität, die von der massiven Architektur vielfach gebrochen werden. Sounds bewegen sich wie akustische Wellen durch den Raum, als Verdichtungen von Tönen. Es summt, brummt, rumpelt, rattert, stampft. Der maschinenlärmartige Sound schwillt an, dröhnt, drückt, als nähere sich ein Flugzeug. Der Song heißt „Tempelhof“. Dann glaubt man einen Hubschrauber zu hören, wie bei den Demos am Luxemburg-Platz.

Danach scheppert und klirrt es, als würden Kettenfahrzeuge über die Betondecke rollen, später zieht eine Blechlawine durch die Halle, ein Nebelhorn ertönt. Es knistert geheimnisvoll, dann folgt ein Rascheln und Kratzen, als gehe einer mit Metallstäbchen über ein Waschbrett. Eine Glocke bimmelt, Orgelklang, jetzt klingt es plötzlich wie in einer Kathedrale. Dann: Stille. Die Fenster sind offen, von draußen dringt der Sound der Stadt herein. Vogelgezwitscher, die Sirene der Feuerwehr, Automotoren. Wir sind in Berlin. Es ist die Symphonie der Großstadt.

Halle am Berghain, Wriezener Bahnhof. Bis 2. August, Mi–So 14­–20 Uhr, Eintritt: 8, ermäßigt 5 Euro. Infos: www.singuhr.de