Es war ja klar, dass dieses sozial isolierte Solokonzert aus dem Juli nicht wie angekündigt nach dem Premieren-Stream für zahlende Zuschauer im Archiv verschwinden würde. Es wäre auch wirklich schade drum. Jetzt musste, weil die Zeit ist, wie sie ist, der Kinostart von „Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace“ auf Januar verschoben werden. Und so gibt es erst mal nur Musik. Nick Cave hatte laut eigener Aussage schon länger vorgehabt, ein Album mit Soli zu veröffentlichen, wie der 63-jährige Musiker sie gelegentlich auf der „Conversations“-Tour spielte – die vom Coronavirus gecancelte Tour mit seiner Band The Bad Seeds gab ihm nun die Gelegenheit.

„Idiot Prayer“ ist somit keine spontane Corona-Alternative oder freundliche Geste, den Künstler mal allein hören zu dürfen. Es handelt sich um eine sorgfältig konzipierte und unter den besten technischen Bedingungen realisierte Werkschau von 1986 bis 2020 – das zärtlich schmerzbewegte „Euthanasia“, eigentlich für das letztjährige Album „Ghosteen“ komponiert, kommt hier zur Erstaufführung. Abgesehen von einem einzigen Lachen nach einem kleinen Verspieler fehlt jeder Livebeweis. Hörbar wichtig hingegen der enorme Raum des Alexandra Palace in London – er stellt klanglich dar, wie abgeschieden der Performer in seine Musik hineinhört. Es fällt einem nur John Cales Live-Solo „Fragments of a Rainy Season“ von 1992 ein, das mit ähnlicher Konsequenz das eigene Schaffen perspektivisch neu sortiert.

Mit sechs von 22 Titeln bildet „The Boatman’s Call“ von 2010 – damals eine Art Auszeit vom farbenreich verrichteten Bandsound zugunsten kleinbesetzter Balladen wie dem Titelsong – einen Schwerpunkt. Durchaus nachvollziehbar konzentriert sich Cave aber auch sonst auf ein Repertoire, das sich von Melodie und Dynamik her einer solch intimen Nahaufnahme anbietet, vom 30 Jahre alten „Ship Song“ bis zu „Waiting For You“ von 2019, das er von der geisterhaften Elektronik befreit.

Nick Caves Album ist ein Gewinn für die Musik

Im Gegensatz zum musikalisch radikalen Entwurf Cales schaut Cave weniger aufs Arrangement als in die Tiefe seiner Stücke, lenkt den Blick auf die emotionalen Nuancen seines dunklen und virtuos pathosgetragenen Baritons. Er begleitet kontrolliert, hält die Arpeggienschnörkel im Zaum, gibt Raum und Stille. Dennoch hört man natürlich besonders auf die überraschenden Wendungen, wie im schon öfter solo erprobten Stück „The Mercy Seat“. Oder in „Sad Waters“, das im 86er Original von unübersichtlich dichten Bad Seeds aufgeheizt ist. 

Die Bildlosigkeit bedeutet hier einen Gewinn für die Musik: Kein auratischer Künstler zum Anfassen, keine Genie-bei-der-Arbeit-Inszenierung lenkt von der intensiven und klugen Schönheit der performten Lieder ab.

Nick Cave: „Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace“ (Awal / Rough Trade); der Kinofilm läuft ab 14. Januar 2021.